BAUHAUS 2019 – Denkmalpflege und die Bauten der Moderne
Veranstaltung im Milchhof Arnstadt am 29. Juni 2016

Im Uhrzeigersinn von links oben: Haus am Horn (Weimar) von Georg Muche, Haus des Volkes (Probstzella) von Alfred Arndt, Wartburgpavillon (Eisenach) von Günther Wehrmann, Milchhof Arnstadt von Martin Schwarz.

Am Mittwoch, den 29. Juni 2016 veranstaltet das Landesamt für Denkmalpflege unter der Leitung des Landeskonservators Holger Reinhardt in Zusammenarbeit mit der Milchhof Arnstadt GmbH im Milchhof Arnstadt ein öffentlich zugängliches, ganztägiges Kolloquium zum denkmalmethodischen Umgang mit ausgewählten Bauten der Moderne in Thüringen:

_Haus am Horn (Georg Muche, Weimar 1923)
_Haus des Volkes (Alfred Arndt, Probstzella 1927)
_Milchhof Arnstadt (Martin Schwarz, Arnstadt 1928)
_Wartburgpavillon (Günter Wehrmann, Eisenach 1967)

Vorgestellt werden die neuesten Forschungsergebnisse zu den vier Bauten und die jeweils von den Bearbeitern vorgeschlagenen denkmalpflegerischen Zielstellungen, die in einer öffentlichen Podiumsdiskussion mit den Vertretern der Denkmalfachbehörde diskutiert werden.

In einer zweiten Diskussionsrunde am Nachmittag geht es um das Thema
Das Bauhaus 2019 – was bleibt vom Funktionalismus in Architektur und Stadtplanung?

Das Programm im Einzelnen für
Mittwoch, den 29. Juni 2016:

10:00 Uhr
Begrüßung durch die Veranstalter

10:30 – 12:30 Uhr
Vorstellung der Analyseergebnisse und der Vorschläge der denkmalmethodischen Ansätze:

_Arnstadt, Quenselstraße 19, Milchhof von Martin Schwarz / Referent Walter Grunwald (Berlin)
_Eisenach, Wartburgallee 47, Ausstellungspavillon der Wartburg- Automobilwerke von Günther Wehrmann / Referenten Heidi Pinkepank und Dr. Lars Scharnholz (Cottbus)
_Probstzella, Garagenbau zum Haus des Volkes von Alfred Arndt / Referent Prof. Winfried Brenne, Architekt BDA/DWB (Berlin)
_Weimar, Haus am Horn von Georg Muche / Referent Prof. Winfried Brenne (Berlin)

12:30 – 13:30 Uhr
Imbiss und Gedankenaustausch / Rundgang durch das Gebäude

13:30 – 14:45 Uhr 
Denkmalpflege an Bauten der Moderne
Podiumsdiskussion (1) zu den jeweiligen denkmalmethodischen Ansätzen zwischen den beteiligten Planungsbüros und den Referenten der Denkmalfachbehörde unter Leitung des Landeskonservator des Freistaates Thüringen Holger Reinhardt

14:45 – 15:00 Uhr
Kaffeepause

15:00 – 15:30 Uhr
„Warum Abriss keine Lösung ist“
Daniel Fuhrhop, Autor des Buches Verbietet das Bauen, spricht über den Umgang mit ungeliebter Architektur und unterschätzten Orten.

15:30 – 17:00 Uhr 
Podiumsdiskussion (2):
„100 Jahre Bauhaus Weimar – Zwischen Fehlerkorrektur und Denkmalpflege – Was bleibt vom Funktionalismus der Moderne in Architektur und Stadtplanung?“
Zu Architektur und Stadtplanung in BRD und DDR unter besonderer Berücksichtigung des Plattenbaus. Es diskutieren:
_Daniel Fuhrhop, Autor (Oldenburg)
_Walter Grunwald, Architekt (Berlin)
_Holger Reinhard, Landeskonservator des Freistaates Thüringen (Erfurt)
_Heidi Pinkepank und Dr. Lars Scharnholz, Institut für Neue Industriekultur (Cottbus)
_n.n., Vertreter eines institutionellen Bauträgers (angefragt)
Moderation: Judith Rüber (Arnstadt)

ab 18:00 Uhr
Empfang im Hotel Stadthaus Arnstadt und Eröffnung der Ausstellung
reduced – reused – useless
Malerei und Fotografie von Jan Kobel

 

Den Originalfassungen auf der Spur

Noch sind es lange keine 100 Jahre, dass der Milchhof Arnstadt errichtet und eingeweiht wurde. Und dennoch haben wir kaum eine Ahnung, mit welchen Farben, Fließen und Ausstattungen der Architekt Martin Schwarz das Gebäude im Dezember 1928 der Öffentlichkeit präsentierte.

Diesen Befunden auf der Spur ist der Restaurator Ludwig Volkmann von der Firma Coreon aus Weimar. Nach den ersten bautechnischen und statischen Untersuchungen, die alle eine solide Qualität der Substanz des Milchhofs ergaben, geht es nun an die denkmalpflegerischen Befunde.

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Ludwig Volkmann hat sich dafür im Milchhof einquartiert und geht nun ein paar Tage auf Spurensuche. Erste Resultate: Das Besprechungszimmer der Betriebsleitung ist zwischen 1928 und 1989 17(!)mal neu gestrichen oder tapeziert worden. Die Originaltapete von 1928 ist zwar in den dreißiger Jahren entfernt worden, unter eine Abdeckleiste blieb sie mit zwei weiteren späteren Lagen jedoch erhalten. Farbe: taubenblau.

So marode das Gebäude auch erscheint, und so stark die Schäden durch eindringendes Wasser, Frost und Vandalismus sind, es gibt immer noch viel zu entdecken.

Das gemeinsame Ziel der Eigentümer und der Thüringer Denkmalpflege ist es, das Gebäude so weit wie möglich in den Originalzustand zurückzuversetzen und dadurch dauerhaft nachvollziehbar und erlebbar zu machen, mit welchen Materialien, Formen und Farben sich der Aufbruch in die sogenannte „Moderne“ der 20er Jahre auch in Arnstadt vollzog.

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Fehlende Fußleisten verraten: hier war eine zweiflügelige Tür!

Dank der Unterstützung des Landesamtes und des Thüringer Förderpreises für Denkmalpflege sind wir in der Lage, diese Untersuchungen vornehmen   und bis 2017 auch an der Fassade eine Musterachse zu erstellen, die auf ca 5 m Breite Holzfenster, Metallfenster, Metall-Schiebetür, Farbgebung und Fassadengestaltung rekonstruieren wird. Mit einer solchen Musterachse wird anschaulich, wie sich der Milchhof präsentieren wird, wenn in ein paar Jahren wieder Leben in ihn – und in das ganze Quartier – einziehen wird.

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Ludwig Volkmann von Coreon aus Weimar ist Restaurator und den Befunden des Milchhofs auf der Spur.

Fünf Gründe für die Platte …

Hinschauen oder wegschauen? Mit jedem abgerissenen Block – hier Leipzig 2007 – wächst die Erkenntnis, dass mehr verschwindet als ein paar Scheiben Beton. Egal ob Denkmal der Klassischen Moderne oder Plattenbau aus den 70ern, wir müssen die Stadt weiterbauen und umgestalten. Aber nicht abreissen und uns einbilden, dass besser wird, was wir danach neu errichten. Nur aus dem respektvollen Dialog mit dem Gewachsenen entsteht Geborgenheit.

„Seit Anfang der Moderne macht der Architekt erst einmal Tabula rasa, und setzt dann seine neuen Gebäude auf’s Grundstück. Mit diesem falschen Bild im Kopf leben wir noch“  Muck Petzet

… oder warum wir (auch) Plattenbauten nicht mehr abreißen sollten

Der Münchner Architekt Muck Petzet macht vor wenigen Jahren Schlagzeilen, als er auf der Architekturbiennale in Venedig 2012 im Deutschen Pavillon seine architektonische Trias „Reduce, Reuse, Recycle“ präsentierte. Da wir Architektur teilweise wie ein Müllproblem behandeln, sollten wir die Gesichtspunkte der Nachhaltigkeit auch auf das Bauen anwenden: Neubauten reduzieren, Altbauten umnutzen, Materialien weiterverwenden (Interview Muck Petzet / Detail / Oktober 2012).

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Einfach nicht tot zu kriegen: Revolution der Ästhetik 1919-1933

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„Das Bauhaus war eines der radikalsten, alles verändernden ästhetischen Konzepte, das es vielleicht jemals gab“ (Tobias Rehberger)

Das Bauhaus-Jubiläum 2019 wirft seine Schatten voraus, so zum Beispiel mit einer Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn, die der dortige Generalanzeiger wie folgt bespricht:

http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/kultur-und-medien/bonn/Das-Bauhaus-lebt-article3221630.html

Die grundlegende Idee meiner kleinen Arnstädter Ausstellung
„Urknall der Moderne – ein neuer Begriff von Schönheit, industrieller Formgebung und sozialer Verantwortung“ (siehe http://milchhof-arnstadt.de/2015/10/04/bauhaus_urknall_der_moderne/) drückt der Autor Thomas Kleemann so aus:

„Sozial, funktional, industriell sollte Bauhaus-Design nach dem Willen seiner Mütter und Väter sein – und blieb doch trotz innovativer Materialwahl einer archaischen, vorindustriellen Handwerkskunst verhaftet, war elitär und teuer.“

und er bemerkt:

… versucht wird, der Bauhausidee jahrzehnteübergreifend auf den Grund zu gehen. Da wird etwa ein Stuhl aus Karbon-Kautschuk-Komposite von Clemens Weishaar (2012) zu Mies van der Rohes Armstuhl MR20/3 (1927) oder Marcel Breuers Freischwinger B 33 (1927/28) in Beziehung gesetzt. Wie innovativ waren Mies und Breuer? Was bleibt von ihrer ideologischen Material- und Formaskese? Und was haben die Design-Enkel und -Urenkel daraus gemacht?“

Wer bis 2019 mitreden möchte, sollte also schauen, dass er bis zum 14. August 2016 nach Bonn kommt.

Urknall der Moderne
Das Bauhaus in Weimar und Dessau und der Milchhof in Arnstadt

Titelbild: Rekonstruktion des Meisterhauses von Gropius in Dessau durch das Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez

2019 schaut Deutschland auf die Gründung einer Institution zurück, die in den Augen der Welt den Anfang all dessen symbolisiert, was wir als Modernes Bauen und Design bezeichnen: das Staatliche Bauhaus in Weimar, 1919 von Walter Gropius gegründet. Was ist so besonderes daran, dass Tausende auf den Spuren dieses internationalen Aufbruchs 2019 nach Deutschland und Thüringen kommen werden?

Entwurf einer kleinen Ausstellung anhand des Milchhofs in Arnstadt in drei Akten / ab 27. November 2015 im Stadthaus Arnstadt

von Judith Rüber und Jan Kobel Urknall der Moderne
Das Bauhaus in Weimar und Dessau und der Milchhof in Arnstadt
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Das Bauhaus Weimar und seine Bedeutung für Thüringen

Dankesrede von Dr. Jan Kobel anlässlich der Verleihung des Thüringer Förderpreis für Denkmalpflege 2015 an den Milchhof Arnstadt in Schmalkalden am 12.09.2015
Titel: Detail aus den Treppenhäusern des Bauhaus Dessau / Walter Gropius (links) und Milchhof Arnstadt / Martin Schwarz (rechts). Foto rechts: Walther Grunwald

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ende August fuhren meine Frau und ich abends nach Weimar, zu einem Vortrag von Neil MacGregor, dem Direktor des British Museums in London und designierten Chefkurator des neuen Humboldtforums in Berlin. Er sprach über das Geschichtsverständnis der Deutschen und über Deutschlands kulturelle Sonderstellung in Europa, und er sprach, wie nur ein Angelsachse über Deutschland sprechen kann – und darf: voller Bewunderung und Begeisterung.

In seiner Rede ging es auch um Buchenwald, und er sagte den Satz:

How could it happen? How did all the great humanizing traditions of Germany – Dürer, Luthers bible, Bach, the Enlightenment, Goethe, the Bauhaus and much much more fail to avert this total ethical collapse?

Wie konnte Buchenwald passieren – im Land von Bach, Goethe und Bauhaus? Und während MacGregor noch gestand, daß er darauf keine Antwort kenne, dachte ich mir: er spricht über Deutschland, aber genau genommen spricht er über Thüringen. Das Bauhaus Weimar und seine Bedeutung für Thüringen weiterlesen

„… berufen, die Bevölkerung zu versorgen“
Der Architekt Martin Schwarz über den Milchhof Arnstadt

Der Arnstädter Architekt Martin Schwarz über den Milchhof Arnstadt anlässlich dessen Eröffnung am 04.12.1928 / 
Abschrift aus dem Arnstädter Anzeiger v. 03.12.1928
Achtung: dieser Artikel einer Tageszeitung umfaßt 16.000 Anschläge! Er stammt offenbar aus einer Zeit, als die Presse noch nicht befürchtete, mit detaillierten Ausführungen ihr Publikum zu "überfrachten".

Der Milchhof Arnstadt

Zur Eröffnung am 4. Dezember 1928
von Dipl. Ing. M. Schwarz, Architekt Arnstadt

Seit Jahren mehrt sich in allen Ländern – unterstützt durch eine wirksame Propaganda der an einer rationellen Volksernährung interessierten Kreise – die Erkenntnis vom Wert der Milch und der Milchprodukte. Vorbildlich ist in dieser Hinsicht Amerika gewesen, wo die Förderung des Milchkonsums vom Staat gleich nach dem Krieg mit allen Mitteln unterstützt wurde.

Auch in Deutschland, insbesondere in Süddeutschland, hat die Bewegung einen ungeheuren Aufschwung erlebt, im Zusammenhang mit der Entwicklung des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens. „… berufen, die Bevölkerung zu versorgen“
Der Architekt Martin Schwarz über den Milchhof Arnstadt
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Der Milchhof in Arnstadt
Geschichte, Zustand, Nutzungskonzept

Gliederung:

1_form follows function
Der Milchhof Arnstadt als Beispiel der Strahlkraft der Bauhaus-Avantgarde /
von Walter Grunwald
2_new function follows art & creativity
Die Zukunft des Milchhofs als multifunktionaler Veranstaltungsort, Galerie zeitgenössischer Kunst und Kulturzentrum / von Walter Grunwald und Jan Kobel
3_new functions, new horizons
Der Milchhof und die Entwicklung des Quartiers am Mühlgraben /
von Jan Kobel

Der Milchhof in Arnstadt
Geschichte, Zustand, Nutzungskonzept
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Thüringer Förderpreis für Denkmalpflege 2015

Schloß Wilhelmsburg in Schmalkalden am Tag des Offenen Denkmals 2015 / Foto: Werner Streiberger / TLDA

Der Förderverein Denkmalpflege in Thüringen e.V. vergibt alljährlich einen Preis zur Unterstützung eines aus Sicht der Jury bedeutenden Projektes in der Denkmalpflege. Der Preisträger 2015 geht an den Milchhof in Arnstadt. Hier der Wortlaut der Begründung dieser Entscheidung:

Erfurt. – Die Baudenkmal Milchhof Arnstadt GmbH ist diesjähriger Preisträger des mit 30.000 Euro dotierten Thüringer Förderpreises für Denkmalpflege. Dies gab der Vorsitzende des Fördervereins Denkmalpflege in Thüringen e.V., Frank Krätzschmar, am heutigen Donnerstag, 10. September 2015, in Erfurt bekannt.

Der ehemalige Milchhof in Arnstadt ist Teil unseres wertvollen Bauhauserbes. Der aus mehreren Kuben zusammengesetzte Industriebau verwirklicht in eindrucksvoller Art und Weise in Gestalt, Grundriss, Materialwahl und Konstruktion die Ideen der Neuen Sachlichkeit.

Nachdem der städtische Molkereibetrieb die Nutzung in den 1990er Jahren aufgab, begann das Gebäude zu verfallen. Eine Umnutzung schien lange unmöglich. Verschiedene Eigentümer planten den Abriss, der jedoch stets durch die Denkmalfachbehörde des Freistaates verhindert werden konnte.

Seit Ende 2014 besteht wieder Hoffnung für den Milchhof. Die Baudenkmal Milchhof Arnstadt GmbH erwarb das Gebäude und plant nun mit viel Verständnis für das Baudenkmal eine wirtschaftlich nachhaltige sowie denkmalgerechte Umnutzung zu kulturellen, gewerblichen und Wohnzwecken.

Notsicherungsmaßnahmen sind bereits durchgeführt. Statische und denkmalpflegerische Voruntersuchungen stehen noch aus, damit der Rückbau und denkmalgerechte Ausbau beginnen kann.

Hier leistet der Förderpreis für Denkmalpflege Hilfe. Im Unterschied zum bewährten Thüringischen Denkmalschutzpreis – der abgeschlossenen und besonders gelungenen Sanierungen Anerkennung zollt – hat der Förderpreis den Charakter einer Anschub- bzw. Kofinanzierung. Über drei Jahre werden beispielhafte Denkmalprojekte finanziell und fachlich begleitet.

„Wir freuen uns, mit der Verleihung des Thüringer Förderpreises für Denkmalpflege einen Impuls setzen zu können, der weitere Geldgeber aufruft, die Erhaltung des Milchhofes mit zu fördern. Nicht nur in Hinblick auf das Bauhausjahr 2019 ist die Initiative wünschenswert. Das große Engagement der Bauherren überträgt sich auf die Arnstädter Bevölkerung und gibt dem Industriegebiet in Arnstadt einen städtebaulichen Impuls, der längst überfällig ist.“

Dank der finanziellen Beteiligung der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, des Freistaates Thüringen sowie der Autohaus Peter Gruppe ist der Förderverein Denkmalpflege in Thüringen e.V. in der Lage den Preis auch im kommenden Jahr wieder auszuloben.