Nichts ist so uncool wie Neubauten

Verlässt man die Zentren, kämpfen oft einzelne Akteure für die Industriekultur gegen Windmühlen. „Vernetzt euch!“ lautet das Credo von kulturfabriken.eu.

Ein Beitrag von Judith Rüber, erschienen im MEDIAN-Heft 2020 der Metropolregion Mitteldeutschland GmbH.
Foto: Räume der ehemaligen GreiKa, der Greiner Kammgarnspinnerei in Berga-Elster

Wie bringt man neue Ideen in leer stehende Gebäude? Im ländlichen Raum verhallt diese Frage oft ungehört, weil sie nicht laut genug gestellt wird. Wo leer stehende Gebäude einige Jahre ohne Nutzung sind, werden sie außerhalb der Zentren oft abgerissen – meist mit öffentlichen Mitteln, die dreimal ausgereicht hätten, Dach und Entwässerung zu reparieren.

Unter www.kulturfabriken.eu entsteht in Mitteldeutschland ein Netzwerk, das die bestehenden Initiativen vernetzen, deren Angebote sichtbar machen, junge Menschen unterstützen und der Industriekultur eine Stimme geben will.

(Auszug aus der Veröffentlichung im MEDIAN-Heft 2020)

Die gemeinsame Überzeugung des länderübergreifenden Netzwerks: Wir brauchen diese Quartiere, um den früher oder später aus den gentrifizierten Metropolen Flüchtenden die urbanen Räume zu bieten, die sie suchen. Oder wie es der Thüringer Fotograf und Kulturmanager Jan Kobel formuliert: „Allzu oft ziehen die Vertreter der öffentlichen Hand mit Blick auf das Schicksal dieser Architekturen ausschließlich den Rückbau in Betracht. Wir möchten gerne ein Umdenken vorantreiben.“ Kobel ist Eigentümer zweier Industriedenkmäler im thüringischen Arnstadt und einer der Initiatoren dieses Netzwerkes.

Die Bedingungen für eine solche Aktion sind gut: Überall in den Städten Mitteldeutschlands entstehen Initiativen, die den kulturellen Wert dieses industriellen Erbes entdecken und sie in Konzerträume, Galerien, Ateliers, Coworking Spaces oder Eventlocations umwandeln. Nur: Bislang existieren sie eher nebeneinander. „Die Thüringer Industriekultur ist vielerorts so unsichtbar, dass es uns trotz intensiver Auseinandersetzung nicht gelingt, einen flächendeckenden Überblick über andere bestehende Initiativen in Thüringen zu schaffen. Von potentiellen Orten der Industriekultur in Thüringen ganz zu schweigen“, sagt Florian Dossin vom Verein Trafo in Jena.

Dossin nutzt eine Transformatoren-Station von 1901 für Konzerte. Kommunikation und Marketing dieser Locations finden fast ausschließlich über die Sozialen Medien statt – man muss also bereits entsprechend vernetzt sein, um auf dem Laufenden zu sein. Das soll sich ändern. Wer wissen will, was in alten Industriegemäuern los ist, dem soll kulturfabriken.eu nun möglichst viel offenlegen. Zugleich will das Netzwerk gezielt Projekte und Regionen unterstützen.

Das Netzwerk kulturfabriken.eu vereint bislang Aktivisten der Thüringer Szene – von Arnstadt über Erfurt bis nach Jena –, begreift sich aber als mitteldeutsche Initiative.

Eröffnung einer Ausstellung in der Kulturfabrik Apolda

Warum dieser überregionale Ansatz Sinn ergibt, verrät Sebastian Dämmler von der sächsischen IndustrieKulturOst:

„Wir sollten Thüringen und Sachsen verbinden und nicht an der Landesgrenze aufhören, denn die Probleme sind überall die gleichen. Es mangelt am öffentlichen Verständnis für diese besondere Form der Kultur. Hier können wir viel voneinander lernen.“

Insbesondere im ländlichen Raum ist das Missverhältnis zwischen industriekultureller Substanz und deren Wertschätzung deutlich. Während in den Metropolen dienoch verbliebenen historischen Gebäude mit ihren Backsteinmauern und ihrer Patina längst zu Prestigeobjekten geworden sind, fehlen in der Provinz meist Vorstellungskraft und Geduld. Das könnte sich noch fatal auswirken.

Königl. Bahnbetriebhallen in Erfurt – 200 m vom Bahnhof entfernt.

Denn die Provinz sollte wahrnehmen, welche Werte in den Zentren heute selbstverständlich sind. „Dies ist vor allem das interkulturelle Milieu“, so Kobel, „das ist der Humus, auf dem alles gedeiht – nicht nur die Jobs, auch und vor allem die Familienplanung. Dieses internationale Milieu wiederum achtet peinlich darauf, dass die Räume, in denen es zu Hause ist, ihren lokalen Charakter und ihre Authentizität nicht verlieren. Das industrialisierte und genormte Bauen, einst ein Ideal der Moderne, ist heute das Anti-Ideal einer internationalisierten und vielgereisten Jugend. So wird und bleibt der Heimat-Gedanke auch in der Welt der Hipster lebendig: Als Ort der lokalen Verankerung – wenngleich auch einer temporären.“

In anderen Worten: Nichts ist heute uncooler als Neubauten.

In diesem Kontext stellt sich das industrielle Erbe nicht nur als kultureller Wert dar, sondern als immer wichtiger werdender Wirtschaftsfaktor. Industriekultur ist ein unverzichtbarer Bestandteil eines urbanen Umfeldes, das als Angebot für jene fungieren kann und wird, die die Metropolen wieder verlassen wollen: die Rückkehrer. Es werden immer mehr.

Demnächst mehr unter:
www.kulturfabriken.eu
www.industrie-kultur-ost.de

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