weiß. nullpunkt der moderne.
Milchhof Arnstadt, 24. Mai bis 31. August 2019

Die Ausstellung weiß. nullpunkt der moderne. im Milchhof Arnstadt vom 24. 5. bis 31. August 2019. Täglich geöffnet von 10 bis 18 Uhr. ACHTUNG: Quenselstr. 16, 99310 Arnstadt

HIER GEHT’S ZUR BILDERGALERIE:
https://500px.com/jankobel/galleries/weiss-nullpunkt-der-moderne

Gefördert durch

Kuratorin: Judith Rüber
Die Ausstellung ist seit dem 31.8.2019 geschlossen. Wir bieten Führungen an  zum Milchhof und seinem Architekten Martin Schwarz. Kostenlos, wenngleich wir uns über eine Spende an den Verein Milchhof Arnstadt e.V. freuen.
ACHTUNG: Quenselstr. 16, 99310 Arnstadt!
Bitte melden Sie sich bei Interesse an unter
info@milchhof-arnstadt.de

Weitere Links zum Projekt:
Download Web-Version der Broschüre:
(© Jan Kobel & Judith Rüber):
https://milchhof-arnstadt.de/wp-content/uploads/2019/06/Milchhof_Borschuere_web.pdf

Einblick in das teilsanierte Gebäude und die Ausstellung
(© Jan Kobel):
https://500px.com/jankobel/galleries/weiss-nullpunkt-der-moderne

Böick in das Atrium mit marokkanischen Teppichen …
… und Teestube

Herzstück der Ausstellung war das Teppichprojekt „Die Teppiche der Frauen der Amazir“. 18 marokkanische Vintage-Teppiche, Teppichknüpfen am selbstgebauten Webstuhl, und unser Video über die Tradition der marokkanischen Teppiche:
Hier das Teppich-Video der Milchhof-Ausstellung 2019

Konzerte, Lesungen, Schlemmer’sches Puppenspiel, Foren: das war unser Veranstaltungs-Programm:

Facebook-Präsenz:
https://www.facebook.com/milchhof.arnstadt/

WIR DANKEN FÜR IHRE UNTERSTÜTZUNG:
der Thüringer Staatskanzlei
der Firma Tönsmann:
https://www.teppich-toensmann.de
der Firma Claytec: 
https://www.claytec.de

weiß. nullpunkt der moderne.
Ausstellungen / Diskussionen / Konzerte / Lesungen / Puppenspiel / Mitmach-Werkstatt /
Ausstellung täglich geöffnet von 10 bis 18 Uhr / 
ACHTUNG: Quenselst. 16, 99310 Arnstadt!
Eintritt Ausstellung 8,00 € / ermäßigt 0,00 €
Eintritt Veranstaltungen: 0,00 bis 14,00 €, siehe unten!

Wir begründen eine fundamental neue Ästhetik. Es bleibt uns nichts mehr von der Architektur früherer Epochen
Le Corbusier, 1927

Wir bauen eine neue Gesellschaft, aber diese Gesellschaft darf nicht in die Gehäuse der alten kriechen
Hans Scharoun, 1946

Der Milchhof Arnstadt ist ein Baudenkmal der Klassischen Moderne von 1928, und als dieses sowohl Teil der deutschen als auch der thüringer GRAND TOUR DER MODERNE 2019 sowie offizieller Partner des Bauhaus100-Programms des Bauhaus-Verbundes der Länder und der Stiftungen. Wegen dieser Bedeutung wird das Gebäude des Architekten Martin Schwarz mit Hilfe des Landes Thüringen Schritt für Schritt wiederhergestellt und neuen kulturellen und sozialen Nutzungen zugeführt.

Im Zuge dieser Wiederbelebung präsentieren wir im Sommer des Jahres 2019 das Ausstellungsprojekt  weiß. nullpunkt der moderne. 

Rückseite des Modells von Haus Josephine Baker von Adolf Loos (1928), Foto von Armin Linke im Rahmen des Re-enactment Projekts von Ines Weizman für Ordos 100, 2008

Konzeption der Ausstellung:
Wie keine andere Farbe steht die Farbe weiß für den Aufbruch in die Moderne. weiß ist die Farbe des Lichts, die Farbe der reinen Form, die Farbe des Neustarts und des leeren, erst noch zu beschreibenden Blattes Papier.

weiß. nullpunkt der moderne.
Milchhof Arnstadt, 24. Mai bis 31. August 2019
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Mehr Schande als Fleck? Die Verachtung historischer Bausubstanz und die Ideologie der Moderne in Deutschland

Eine Analyse mit Handlungsperspektive

(Titelbild: Kammgarnspinnerei Wernshausen, errichtet 1836-1920, Abriss 2009, © TLDA)

Wir bauen eine neue Gesellschaft, aber diese Gesellschaft darf nicht in die Gehäuse der alten kriechen.
Hans Sharoun, Stadtbaudirektor Berlin 1945/46

Verfasser: Jan Kobel, Judith Rüber, im Januar 2021

A_Abstract / Zusammenfassung und Nachweiszweck:

1) Von allen baulichen Zeugnissen, auf die Deutschland zurückblicken kann, ist ein Gebäudetypus am meisten von Zerstörung bedroht: die Industriearchitektur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Kein anderer Typus steht so oft leer und kein anderer Leerstand bedeutet so schnell Abriss. 
Damit gehen nicht nur Jahr für Jahr wertvolle Architekturen und Denkmäler verloren, die von der Geschichte einer Industriekultur zeugen, die Deutschland bis heute prägt. Diese Abrisse sind auch in ökologischer Hinsicht unverantwortlich, da der Erhalt und die Wiederherstellung dieser Gebäude ein vielfaches nachhaltiger ist als ihr Abriss und eventuelle Neubauten. Schließlich sind diese Fabrikarchitekturen durch keinen Neubau zu übertreffen was ihren Erlebnis- und Nutzwert angeht für Wohnen, Handel, Kunst und Gewerbe. 

2) Obwohl diese Erkenntnis nicht neu ist, Deutschland zahlreiche Beispiele erfolgreicher Umnutzungen von Industriekulturen vorweisen kann, ist der Abriss dieser Gebäude nicht gestoppt. Das liegt an zwei Gründen, wie diese Abhandlung nachweisen will: 
Zum einen an einem gebrochenem Verhältnis der deutschen Baukultur zu ihrer eigenen Geschichte, die durch zwei politisch-moralische Zusammenbrüche im 20. Jahrhundert geprägt ist, die andere europäische Staaten so nicht erlebten. Dabei kommt der Ideologie und dem Absolutheitsanspruch der Moderne eine nicht unerhebliche Rolle zu: Schön und gut ist bis heute nur, was neu ist!
Zum anderen der ungebrochenen Bereitschaft des Bundes und der Länder, erhebliche Mittel für sog. „Brachenberäumungen“ zur Verfügung zu stellen. Das erscheint problematisch vor allem deshalb, weil diese Mittel ausgeschüttet werden völlig getrennt davon, inwiefern die durch diese Gelder ins Werk gesetzten Abrisse tatsächlich ihrem Anspruch, Flächen „wiederzubeleben“, gerecht werden. Wie gezeigt werden kann, sind diese Mittel nicht nur Voraussetzung für viele Abrissprojekte, sondern ihr Motor. Bund und Ländern kommt hier eine Verantwortung zu, die nur selten diskutiert wird.

3) Deshalb kann ein ernsthafter Versuch, dem deutschen Abrisswahn gegen (nicht nur, aber insbesondere) die unwiederbringlichen Industriearchitekturen unseres Landes entgegenzutreten, nur darin bestehen, die Fokussierung auf denkmalpflegerische Aspekte auszuweiten auch auf Aspekte der ökologischen Nachhaltigkeit, der gewerblichen Nutzungspotenziale und der positiven sozialen Folgeeffekte für Städte und Kommunen. Zugleich muss es gelingen, die Bundes- und Landesbehörden von der wirtschaftspolitischen und stadtplanerischen Schädlichkeit ihrer Vergabepolitik zu überzeugen. Eine Petition an den Deutschen Bundestag ist in Vorbereitung.

B_Argumentation & Fallbeispiele / Zur zerstörerischen Dialektik des Begriffes Schandfleck

Dass ungenutzte Gebäude mehr oder weniger dem Tode geweiht sind, ist auch in Deutschland keine Selbstverständlichkeit. Bei Kirchen, Schlössern und Burgen haben wir gelernt, dass man sie nicht abreißen darf, auch wenn sie über Jahrzehnte ungenutzt bleiben. Hier herrscht ein Tabu, und das ist gut so. Bei profanen Gebäuden und industriellen Bauten ist das noch anders. Insbesondere die ostdeutschen Zeugen der industriellen Umwälzungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die den Abrisswellen der BRD bis 1990 entzogen waren, verschwinden, sofern sie nicht neue Nutzungen gefunden haben, Jahr für Jahr zu Dutzenden. Die Verluste sind erheblich.

Das mag auf den ersten Blick erstaunen. Die positiven Beispiele der IBA Emscher Park und der Europäischen Kulturhauptstadt Essen 2010 liegen hinter uns, Chemnitz wird nicht zuletzt wegen seiner beeindruckenden Industriegeschichte Kulturhauptstadt 2025, das Land Sachsen thematisierte 2020 im Rahmen eines Themenjahres seine herausragende Rolle in der deutschen Industriegeschichte in zahlreichen Ausstellungen, und das Land Thüringen beschloss erstmalig, das Thema Industriekultur getrennt von einzelnen Projekten zu fördern: Es unterstützt unter anderem eine Plattform, die den Erhalt und die Nachnutzung von Industriegebäuden zum Ziel hat und dafür auch die Akteure vernetzen und öffentlich sichtbar machen möchte

Zahlreiche Institutionen, Vereine und Unternehmen aus den Ländern Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt haben sich in der Metropolregion Mitteldeutschland zusammengeschlossen, und messen dort dem Thema Industriekultur einen hohen Stellenwert bei. In der thüringischen Landeshauptstadt hat es eine Initiative aus Bürgern und Stadträten immerhin soweit geschafft, dass der Abriss der ehemaligen Königlichen Bahnbetriebshallen direkt neben dem Hauptbahnhof erstmal abgesagt ist, Eigentumsfragen scheinbar geklärt und neue Nutzungen im öffentlichen Diskurs sind.

Bundesweit thematisiert die Bundesstiftung Baukultur unter anderem die Wiederentdeckung der Industriekultur mit hochbesetzten Veranstaltungen in Berlin. Und an den deutschen Universitäten werden mit viel Geld interdisziplinäre Diskurse gefördert, die sich, wie an der Bauhaus-Universität in Weimar, unter der Überschrift Identität und Erbe mit der gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedeutung der steingewordenen Fabrikkulturen befassen.

Der Schein trügt
Man könnte also vermuten, dass ein seit langem gefordertes Umdenken in Politik und Verwaltung zugunsten des Erhalts des industriellen Erbes stattfindet und wir mit den Architekturen unserer Industriegeschichte nicht minder respektvoll umgehen als mit unseren Kirchen, Burgen oder Schlössern. Auch – und gerade – dann, wenn wir temporär keine Nutzung für sie haben.

Industriearchitektur des 19. Jahrhunderts in Thüringen. Besonders ungeschützt und von Abriss bedroht im ländlichen Raum. Hier: Wendelstein an der Unstrut.

Leider kann davon nicht die Rede sein. In einer geradezu befremdlich anmutenden Hartnäckigkeit werden in Deutschland täglich Entscheidungen gegen geschichtliche Architekturen gefällt, nicht selten unter dem Applaus von Medien und Öffentlichkeit über die Entsorgung „dieser Schandflecken“. Entscheidungen, die keiner wirtschaftlichen Rationalität folgen, auch wenn der Anschein einer solchen gerne erzeugt wird. Es zeigt sich vielmehr, dass diesen Entscheidungen Haltungen zugrunde liegen, die sich nur aus einem soziokulturell gestörtem Verhältnis der Akteure zu den baulichen Zeugen der deutschen Geschichte erklären lassen.

Dass dabei Neubau stets als die beste Lösung unterstellt ist, zeugt davon, dass weder die Kosten des Abrisses noch die Ökobilanz eines Neubaus in die Kalkulation mit eingehen. Lobbygetriebene Energie-Einspar-Verordnungen sorgen darüber hinaus dafür, dass der Anschein entsteht, man könne nicht energetisch angemessen im Bestand planen und sanieren. Im folgenden einige Beispiele:

Schandfleck (1): Industriearchitektur ist dem „Gewerbegebiet“ im Wege
Am 29.12.2020 meldet MDR-Thüringen stolz den geplanten Abriss dieser alten Schokoladenfabrik in der im Kyffhäuserkreis gelegenen Stadt Greußen:

Wunderbare Industriearchitektur des 19. Jahrhunderts in Greußen. Sie soll im Sommer 2021 abgerissen werden. Foto: © MDR / Heidje Beutel

In den sozialen Medien finden sich sogleich Beiträge, dass es nun „endlich vorwärts geht und der Schandfleck „Alte Schokoladenfabrik“ verschwindet“. Das Land Thüringen leitet 90% von zwei Millionen Euro an die Kommune weiter, um den Abriss zu finanzieren. Niemand kommt auf die Idee, was man mit zwei Millionen Euro aus den Gebäuden, deren Dächer und Etagen wohl weitgehend eingefallen sind, unter Einbindung der Naturstein-Fassaden, Gesimse etc. neu errichten könnte. Oder ob sich diese Architekturen nicht auch als spannende Heimstätte für eine gewerbliche Nutzung, einen Handwerkerhof, Lofts o.ä. eignen könnten. Ein Erhaltungsgutachten wurde auch hier nicht erstellt. Welche gute Bausubstanz hier am Greußener Bahnhof zerstört werden soll, verdeutlich dieser Beitrag eines Lost-Places-Fotografen, ein weiterer Artikel der TLZ beleuchtet ein paar Hintergründe.

Stattdessen setzt eine Stadtverwaltung darauf, eine geräumte Brache zu schaffen, die sie dann in der Hoffnung erschließen kann, Gewerbegrundstücke zu verkaufen. Davon, dass es dafür bereits Käufer oder Verträge gäbe, ist nicht die Rede, nur unverbindlich von „Interessenten“. Auch ist unklar, wieso in einer Kommune in einer extrem dünn besiedelten Region, in der es keinerlei Baudruck gibt, ein Gewerbegebiet unbedingt dort entstehen muss, wo bereits eine historisches Bauwerk steht? 

Absurditäten dieser Art sind keine Ausnahme. Beispiel Sachsen. 2016 wurde in Lugau die letzte komplett erhaltene Spinnerei der Frühindustrialisierung in der berühmten Palastarchitektur abgerissen, 2017 die ebenso komplett erhaltene Spinnmühle aus dem frühen 19. Jahrhundert in Tannenberg. 2019 schließlich musste die Spinnerei in Himmelmühle bei Wiesenbad/Erz von 1834(!) weichen. Sie war das größte erhaltene Industriegebäude der Frühindustrialisierung in Mitteleuropa, ein Meilenstein aus einer Zeit, als die Industrialisierung noch keine Dampfmaschine kannte.

Die Spinnerei in Himmelmühle (1834), das letzte Zeugnis seiner Art und der Frühindustrialisierung in Mitteleuropa. Abgerissen aus Verachtung.
Mutwillige Beschädigung des Baudenkmals durch den kommunalen Eigentümer mit dem Ziel, eine Abrissgenehmigung zu erhalten. Die Denkmalbehörden haben mitgespielt. (Foto: © Sebastian Dämmler)

Das Gebäude befand sich viele Jahre im Privatbesitz und ging 2018 über in den Besitz der Stadt, welcher der „Schandfleck“ seit langem ein Ärgernis war. Kurz danach riss ein Bagger ein riesiges Loch in das Mauerwerk des geschützten Baudenkmals. Zerstört wurde auch das Treppenhaus, wodurch eine Bergung von Bauelementen nicht mehr möglich war. In der Folge begutachtete das Denkmalamt die Ruine und stimmte dem Abriss zu. Deutschland hatte eines seiner wichtigsten Industriedenkmäler verloren. Bis heute steht auf dem Areal: Nichts.

Nur zwei Beispiele von vielen. Die zuständigen Verwaltungen erkennen nicht das in den Gebäuden enthaltene einmalige Entwicklungspotentialfür ihre Kommune. Sie kennen nur ein einziges „Entwicklungskonzept“: den Ausweis von Neubau-Gewerbegebieten. Dieses Konzept stammt aber aus den 90er Jahren und ist hoffnungslos veraltet, da heute neue, völlig andere Kriterien gelten für gewerbliche Standortentscheidungen. Da aber fast alle Kommunen so verfahren, ist die Ernüchterung meist groß. Die „Investoren“ bleiben aus. 

So war das auch bei Thüringens krassestem Fall von Missbrauch öffentlicher Fördermittel für Abriss, der Kammgarnspinnerei in Wernshausen, deren stolzes Abbild oben diesen Artikel eröffnet, und die bis ins Jahr 2004, zumindest in Teilen, industriell genutzt wurde. Der Abriss des noch kurz zuvor in den 90er Jahren mit öffentlichen Geldern sanierten Gebäudes wurde im Jahre 2009 mit 3,6 Mio. Euro(!) vom Land unterstützt, ebenfalls unter dem Vorwand, hier ein Gewerbegebiet zu errichten. Bis heute schaut dieses „Gewerbegebiet“ so aus:

Das Gelände der ehemaligen Kammgarnspinnerei Wernshausen heute. Eine Brache für 3,6 Mio. Euro, finanziert von Land und EU. (Foto: wikipedia)

In Wikipedia liest man hierzu:

Das Ensemble stellte ein einzigartiges Industriedenkmal Südthüringens dar. Es stand seit 2002 unter Denkmalschutz. Von besonderem kulturellen Wert war das Verwaltungsgebäude mit Eingangsloggia und in weiten Teilen original erhaltener Ausstattung (Bleiglasfenster mit Motiven der Wollverarbeitung, Fresken im Foyer, Holzvertäfelung und Stuckdecken) sowie der Spinnereihochbau mit über 15000 m³ Nutzfläche auf fünf Etagen. (…)
Der Beschluss zum Abriss wurde vom ehemaligen Wernshäuser Bürgermeister Rainer Stoffel mit Unterstützung des Landrats Ralf Luther (CDU) und der Thüringer Landesregierung gefällt und wurde seit Mitte Januar 2009 umgesetzt.

Ein großes, denkmalgeschütztes, hochwertig gebautes und ausgestattetes Industrieensemble aus den Jahren 1836 bis 1920, überwiegend noch gut erhalten, wird zerstört mit Mitteln der Öffentlichen Hand, ohne dass eine verbindliche Neunutzung des Areals in Planung ist, die diese Aufwendungen gesellschaftlich rechtfertigen würde. Das wirft Fragen auf. Möchte man meinen.

Dass das angeblich beabsichtigte neue Gewerbegebiet an der B19 in im Süden Thüringens nie entstanden ist, interessiert aber heute keinen mehr. Die Verantwortlichen, Minister, Landrat oder Bürgermeister, müssen weder vor der Öffentlichkeit, noch vor den Rechnungshöfen Rechenschaft für ihr Versagen abgeben. 

Wenn es denn ein Versagen war?

Denn die Wahrheit liegt vielleicht doch ein gutes Stück woanders.

Schandfleck (2): Der Abrisswille als Eigenschaft von Architektur

Wer, wie die Autoren dieser Zeilen und ihrer Mitstreiter*innen, seit Jahren gegen Entscheidungen wie die hier angeführten ankämpft, anschreibt, argumentiert, Alternativen aufzeigt, auf erfolgreiche Wege der Umnutzung verweist oder kommunale Win-Win-Strategien vermitteln will, lernt schnell, wie wenig diese Alternativen auf Interesse stoßen bei Stadträten, kommunalen Wohnungsbau-Geschäftsführern oder Bürgermeistern. 

Es verhält sich nämlich so, dass eine Widerlegung der angeblichen Notwendigkeiten, die einen Abriss unumgänglich machten, nicht möglich ist. Weder der Hinweis, dass es in der kommunalen Provinz meist noch leerstehende Brachen für Gewerbegebiete in großer Zahl gibt, noch das Argument, was man nur mit Teilen des für den Abriss aufgewendeten Geldes wieder herrichten könnte, verfangen. Der Wille zum Abriss ist stets ABSOLUT. Er sucht sich seine Begründungen ex post, und stört sich dabei nicht an Widersprüchlichkeiten oder Absurditäten. Der „Schandfleck“ muss weg!

Gut erhaltene Substanz, gute Raumstruktur, aber natürlich „Schandfleck“. Industrielles Gründerzeitquartier in der Altstadt von Arnstadt während des Abrisses 2008.

Mit dem Widerstand, wie er gelegentlich auch aufflammt aus Kreisen des Denkmalschutzes, des Stadtrates (in Wernshausen war es die kommunale LINKE, die opponierte) oder einer engagierten Bürgerschaft, wächst so nicht etwa die Bereitschaft, die Abrisspläne zu überdenken, sondern der beinharte Wille, „es durchzuziehen“. Initiativen von unten sind grundsätzlich chancenlos, selbst wenn sie gangbare Alternativen aufzeigen oder anbieten – es sei denn, es gelingt ihnen, höhere Stellen von Land oder Bund zu mobilisieren, was natürlich nur ausnahmsweise der Fall ist. 

Der Begriff Schandfleck spielt dabei immer eine besondere Rolle. Es erweist sich als vorteilhaft, dass jedes Gebäude, das ein paar Jahre ungeschützt leer steht, durch Vandalismus, Brandstiftung, Bewuchs, Wetter und Frost rasch und sichtbar verfällt. Bei Gebäuden in öffentlicher Hand ist das ein Versagen der Verwaltungen, bei privaten Spekulanten aber auch, da jede Bauaufsicht durchaus Mittel hat, den Eigentümer zu erhaltenden Maßnahmen zu verpflichten, erst recht, wenn ein Gebäude unter Denkmalschutz steht. Es gehört jedoch zu den Usancen des kommunalen Bauaufsichtswesen, dass von diesen Rechten nur in extrem seltenen Fällen Gebrauch gemacht wird. Die Gebäude sollen verfallen, denn je schneller sie verfallen, desto schneller wird man sie los.

Ob ein historisches Haus ein „Schandfleck“ sei, ob es „total verschwammt“ oder „verseucht“ oder anderswie (Asbest!) „unsanierbar“ sei: selten nur handelt es sich um sachliche Aussagen über einen baulichen Zustand, meist um Projektion der eigenen Absichten in den Zustand der Architektur. Wenn überhaupt, berühren solche Diagnosen Kostenfragen und somit Fragen gesellschaftlicher Wertschätzung. Im Zweifel helfen tendenziöse Gutachten nach, die für Gerichte nur schwer zu überprüfen sind und, wenn sie doch mal überprüft werden, immer nur eines beweisen: Nicht der baufällige Zustand erzwingt den Abriss, sondern der Abrisswille sucht sich seine Legitimation. 

Es stellt sich also die Frage nach der tatsächlichen Motivation der Verantwortlichen.

Schandfleck (3): Architektur als Symbol der Schande
Um die tiefere Bedeutung des deutschen Begriffs Schandfleck zu verstehen, ist es unverzichtbar, in die Geschichte der Nachkriegszeit(en) zurückzugehen. Denn das Verhältnis der Deutschen zu ihrer (Bau-)Geschichte hat einen schweren Knacks, entstanden durch eine einmalige Leistung der deutschen Nation, die weltweit vermutlich nur sie in dieser Vollendung für sich beanspruchen kann: die Niederlage innerhalb kürzester Zeit in zwei Weltkriegen, die man selbst großspurig vom Zaun gebrochen hatte. 

Durch diese doppelte Zäsur von 1918 und 1945 hat Deutschland zweimal hintereinander, im Zeitraum von nur einer Generation von 27 Jahren, vor der Notwendigkeit gestanden, einen Neustart hinlegen zu müssen und zwar in jeder Hinsicht: politisch, sozial, wirtschaftlich, moralisch, ästhetisch, architektonisch. Ja, auch ästhetisch und architektonisch!

Dieses gesellschaftliche Bedürfnis nach einem Neustart war Wasser auf die Mühlen einer sich bereits in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg formierenden Moderne, die radikal alles ablehnte, was vor ihr war. Walter Gropius nutzte die Wirren nach der Niederlage des Kaiserreichs geschickt zur Gründung des Bauhauses 1919. Das moderne Bauen und mit ihm die Ideologien der „Zweckmäßigkeit“ und „Sachlichkeit“ des Gestaltens wurden zum Anspruch einer deutschen Elite, übrigens vor dem Bauhaus und weit über es hinaus. 

Mit der zweiten, noch drastischeren Zäsur von 1945 schließlich war die Moderne nicht mehr nur die Haltung einer gestalterischen Elite. Sie avancierte in fast allen deutschen Städten zum Inbegriff des Zeitgemäßen, ihre Vertreter übernahmen die Führungsfunktionen in den Verwaltungen (Hans Scharoun in Berlin), das Auto und das moderne (amerikanische) Leben gaben den Rhythmus vor. Fast niemand mehr, bis zum einfachen Handwerker oder Häuslebauer, konnte in Jugendstil, Historismus, Fachwerk oder klassizistischem Stuck noch etwas Schönes oder Schützenswertes erkennen. „Ornament“ und „bloßer Zierrat“ waren des Teufels. 

Dass die Nationalsozialisten in ihrem eigenen Verständnis von heroisch-repräsentativer Sachlichkeit ebenso wie die Moderne Jugendstil und Schmuckwerk fast aller Art verachteten, nur eben als „undeutsch“, passte da nur zu gut in eine sich neu formierende deutsche Nachkriegsästhetik der Moderne. Kontinuität im Wandel.

Wiederaufbau oder moderne Stadt? Alle deutschen Städte kämpften nach 1945 um den richtigen Weg. Kassel entschied sich radikal gegen den Bestand. Die Treppenstraße von 1953 war die erste Fußgängerzone Deutschlands. Sie steht inzwischen selbst unter Denkmalschutz.

Auf einem Berliner Blog von 2012 über die Geschichte der Gaslaterne in Berlin findet sich dazu folgende Beobachtung von Carl Nicolas Hofer:

Die deutsche Hauptstadt war durch den letzten Krieg und die alliierten Bombardements schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Trotzdem war vieles wieder herstellbar. Aber die Berliner Senatsbauverwaltung im Westteil der Stadt wollte aus ideologischen Gründen mit der Vergangenheit brechen und sich modern geben. Politiker wie der spätere Bausenator Rolf Schwedler bekamen Oberwasser und setzten eine beispiellose Abrisswelle in Gang, die auch vor historisch wertvoller Bausubstanz nicht Halt machte. So wurden nach später veröffentlichten Zahlen in der Ära Schwedler mehr Gebäude in Berlin zerstört als durch die Bomben des Krieges.

Ganze Stadtviertel wurden gesprengt, häufig auch um Platz für Autobahntrassen und Schnellstraßen zu schaffen. Auch die Ideologie der Entstuckung geht auf Schwedler zurück. Der Hass auf das vermeintlich Alte war so groß, dass man Prämien aus der Landeskasse an Hausbesitzer ausschüttete, damit sie an ihren Häusern Stuck und anderen Zierrat abschlugen. Die Stadt verlor an vielen Stellen ihr denkmalwürdiges Aussehen und ist heute in großer Zahl von seelenlosen langweiligen Rauhputzhäusern vollgestellt. Aber man hat nichts aus diesem unsäglichen Verhalten gelernt. 

Was der Autor hier beschreibt, ist eine Identifizierung von Architektur mit moralischen Haltungen, sind ideologische Zuschreibungen von Architektur, die der Moderne von Anbeginn zueigen waren. Denn die ästhetische Moderne des 20. Jahrhunderts begnügte sich nicht damit, ein neues, schlichtes und schmuckloses Bauen und Gestalten zu propagieren (was ja durchaus eine eigene Qualität darstellen kann). Sie verstand dieses ästhetische Programm zugleich als Kampfansage gegen jede Form des traditionellen Bauens:

Wir begründen eine fundamental neue Ästhetik. Es bleibt uns nichts mehr von der Architektur früherer Epochen,“

postulierte LeCorbusier schon 1927. Eine Äusserung, die angesichts der Leistungen der Architektur von Romanik, Gotik und Renaissance bis zum Klassizismus, vom Kirchen- und Villenbau bis zur Industriearchitektur nicht nur einigermaßen anmaßend erscheint, sondern die auch den Zerstörungswillen bereits in sich birgt. 

Schandfleck (4): nur neue Architektur ist gute Architektur 
Die Moderne wollte nicht einen weiteren neuen Baustil formulieren, der sich einreiht in die Geschichte der europäischen Bautraditionen. Sie wollte als Baustil – wissenschaftlich begründet, selbstverständlich – der bauliche Ausdruck des absolut Wahren, Schönen, Guten und Fortschrittlichen sein. Für die Geschichte des europäischen Bauens, insbesondere der die deutschen Städte prägenden Architektur des 19. Jahrhunderts, blieb konsequenterweise nur Verachtung übrig. 

Plakat der Ausstellung weiss. nullpunkt der moderne. Sie thematisierte 2019 im Milchhof Arnstadt unter anderem den Absolutheitsanspruch der Moderne

Deutschland war dasLand der Moderne in Europa bis 1933, und Deutschland brauchte nach 1945 den totalen Neustart, einen Schnitt gegen die Geschichte und die damit verbundene Schande, gegen Versagen und Grausamkeit. Es suchte einen allfälligen Symbolismus des Fortschritts, wie ihn die moderne Architektur liefern wollte, und wie er sich in rabiaten Abriss- und Abschlag-Orgien und geglätteten Rauputz-Fassade öffentlichkeitswirksam beweisen konnte. Ornament war doch Verbrechen! Also weg damit! Es war, als sollte die Architektur der Kaiserzeit büßen für das Unheil, das über das Land gekommen war, und als sei mit deren Abriss auch jeder „Ungeist“ für immer verbannt.

Dieser Symbolismus des neuen guten Deutschlands ging wunderbar einher mit der reibungslosen Fortschreibung nationalsozialistischer Karrieren in eben dieser BRD. Gerade weil die Überzeugungen der Deutschen – übrigens in West und Ost – sich kaum geändert hatten, rassistische, völkische oder nationalistische Haltungen vielleicht etwas angepasst („Versöhnung“, „Völkerfreundschaft“), aber nicht kritisiert und überwunden wurden, deshalb kam es ja so sehr auf diesen äußerlichen Symbolismus an, der der Welt zeigen sollte: Wir sind jetzt eine moderne Demokratie. 

So wurde die Moderne zum Mythos der jungen Bundesrepublik, eifrig gepflegt in den Fakultäten ihrer Universitäten, in den Stiftungen und Institutionen, in der Architekturkritik und den Feuilletons. Dieser Mythos schrieb sich, mit seinen sprossenlosen Fenstern und den gereinigten und leicht zu reinigenden Oberflächen, nach und nach ein in ihre soziale DNA. Dass Walter Gropius und Mies van der Rohe, die Bauhäusler und deutschen Architekten, die Hitler trotz ihrer Anwanzereien einfach verstoßen hatte, in den USA zwischenzeitlich zu Helden avanciert waren, passte einfach zu perfekt. 

In der DDR blieben die meisten Gebäude erst einmal stehen wie sie waren, da sie dringend benötigt wurden, das Land jahrzehntelang Reparationen an die SU zu leisten hatte und das Geld für Neubauten nur für wenige Vorzeigeobjekte vorhanden war. Hier gingen die Ideen der Moderne vielleicht etwas weniger ideologisch, dafür praktisch in die Baukultur ein, vor allem in die industrielle Fertigung von Bauelementen (Plattenbau).

So kam es, dass zur Wende vor 30 Jahren im Osten noch viel mehr an historischen Gebäuden stand als im Westen – ein Befund, der verbunden war mit der Hoffnung, die Fehler der alten BRD nun nicht mehr zu wiederholen. Diese Hoffnung hat sich nur eingeschränkt bestätigt. Auch wenn viele ostdeutsche Altstädte heute wieder rausgeputzt sind – der Abrisswahn ist ungebrochen.

Bäderarchitektur aus den 20er Jahren im Kurpark Bad Neuenahr (Rheinland-Pfalz), während des Abrisses 2020. (© dpa / Thomas Frey)

Dass diese durch die Ideologien der Moderne geprägte Verachtung alter Gebäude sich heute auch zunehmend – zur Verzweiflung der deutschen Architekten – gegen die Bauten der Klassischen und Nachkriegs-Moderne selbst richtet, auch die der DDR, ist eine bittere Ironie der Geschichte, widerspricht diesem Befund jedoch nicht. Ein besonders dreistes Beispiel, wie sich der deutsche Abrisswahn, genau wie hier beschrieben, gegen ein Baudenkmal der 20er Jahre richtet, ist der Abriss des Kurpark-Kolonnaden in Bad Neuenahr – für nichts und wieder nichts und gegen bundesweiten Widerstand aus allen Ecken. Es wird dort absehbar nichts entstehen, aber das Baudenkmal ist weg.

Schandfleck (5): eine deutsche Besonderheit?
Natürlich gibt es skandalöse Abrisse auch in anderen europäischen Ländern, wo historische Bausubstanz dem privaten Geschäft oder der staatlichen Repräsentation im Wege ist. Festhalten lassen sich jedoch zwei Unterschiede zwischen Deutschland und dem Rest Europas. 

Erstens: In Länden wie Italien, Frankreich, Belgien, England und – wie wir erfahren durften, sogar den USA – gibt es einen ungebrochenen Stolz auf die eigene Baugeschichte, unabhängig von einem distinguierten Geschmack. Saniert wird grundsätzlich mit mehr Respekt vor der Gestaltung der Großväter, man verwendet selbstverständlich historische Materialien und es braucht keine Zwangmassnahmen, um die Menschen einer Kommune dazu zu bewegen, die gleichen Dachziegel zu verwenden, wie sie dort seit Jahrhunderten üblich sind.

Altbausanierung, Bad Langensalza. Leider ist es nicht nur eine absurde Verblendung. Denn die Bausubstanz leidet unter den diffusionsdichten Materialien. Feuchteschäden sind vorprogrammiert. 

In diesen Ländern dürfen Böden und Bäder bleiben, und wenn sie defekt sind, werden sie repariert. Hier reißt niemand gut erhaltene originale Holzfenster heraus, um sie durch klobige Thermoverglasungen zu ersetzen, die kein Geld sparen, aber das Raumklima verschlechtern. Auch die geradezu zwanghafte Manier, in Bestandsimmobilien jede Wand durch Trockenbau zu verblenden, jede Decke abzuhängen und jeden Fussboden durch stinkendes Laminat zu verbergen, ist in Resteuropa weit weniger verbreitet. 

Der Deutsche aber erträgt es nicht, wenn etwas schief und alt ist. Er weiß nicht warum, aber er empfindet es so. Schön ist nur was neu ist. Was alt ist gehört ins Museum. Leben kann man darin nicht. Eine ästhetische Ideologie ist zu einem längst generationsübergreifenden nationalem Empfinden und Fühlen geworden. Der Ausgangspunkt, die Abwehr einer nationalen Schande durch die Vernichtung der an die Geschichte erinnernden Architektur, mag lange vergessen sein. In dem Wort Schandfleck aber lebt sie hartnäckig weiter.

Zweitens: die Tragödie der deutschen Abrisskultur liegt nicht darin, dass für neue Bauprojekte wertvolle Bausubstanz abgerissen wird, die noch sanier- und nutzbar gewesen wäre. Das dürfte, bedauerlich genug, überall in der Welt so sein. Die wahre Tragödie besteht darin, dass abgerissen wird, auch und gerade dort, wo es keine konkrete Nachnutzungfür das abgeräumte Gelände gibt. Es wird abgerissen, weil man den „Schandfleck“ nicht mehr sehen mag – und weil ein Bürgermeister sich damit schmücken kann und möchte. 

Wenn er nämlich – und es sind fast ausschließlich Männer – als Stadtoberhaupt schon nicht in der Lage ist, zu punkten mit dem, was er geschaffen hat, dann mit dem, was er vernichtet hat. Abriss ist ein Pluspunkt im Leistungsverzeichnis von Verwaltungen. Vor allem dann, wenn die Finanzierung zu 100% von der EU und dem Land übernommen wurde. Großartig.

Schandfleck (6): Erst abreissen, dann planen
„Abriss“ ist ein böses Wort. Vielleicht sollten man es besser so formulieren, wie es bei den für die Fördermillionen zuständigen Landesbehörden üblich ist: „Brachenberäumung“ oder, noch schöner: „Revitalisierung(!) von Brachflächen“. Damit kommen wir zum Kern des Problems. Denn so irrsinnig der deutsche Reinheits- und Abrisswahn auch ist, er wäre mittellos und tendenziell unwirksam, wenn er nicht auf schier unerschöpfliche Geldmittel Zugriff hätte.

Während im Bereich der Denkmalpflege seit eh und je die Mittel so knapp bemessen sind, dass die Landesämter stets nur wenige ausgewählte Objekte fördern können und zugleich die Rechtsvorschriften den Eigentümern immer mehr Möglichkeiten eröffnen, die Unter-Schutz-Stellung zu umgehen, sind für einzelne Abrisse, wie wir gesehen haben, enorme Mittel im siebenstelligen Bereich vorhanden. Immer und immer wieder.

Dies liegt ganz einfach daran, dass in Deutschland den für Wirtschaft und Infrastruktur zuständigen Ministerien der Löwenanteil der europäischen und Bundesmittel zusteht, die Denkmalpflege jedoch nicht unter „Wirtschaft“, sondern unter „Kultur“ verbucht wird, welche bekanntlich ein Luxus ist, den man sich gerne auch leistet, der angeblich aber nicht relevant ist für den Erfolg der Republik.

Dass, wie sich am Beispiel der Greußener Bauruine schön zeigen ließe, sich diese Bereiche in weiten Teilen überlappen, ein gelungenes Soziokulturprojekt unter Einbeziehung der schützenswerten Bausubstanz dort natürlich auch wirtschaftlich viel bewegen würde, wird nicht erkannt. „Wirtschaft fördern“ heißt angesichts ehemaliger Gewerbezonen und -Architekturen nur: abreissen, aufräumen, tabula rasa. Danach erst planen und sehen wir weiter. Über das Unkraut ins: Nichts.

Förderung wird in diesen Behörden nur gedacht als Schaffen von Voraussetzungen, soll heißen, keinen möglichen Investor irgendwie zu behindern. Es ist ein Zeichen von planerischer Schwäche und wirtschaftspolitischer Ahnungslosigkeit, was diese Programme in der Tiefe der Provinz anrichten. Niemand scheint hier gewillt, neue, kreative, kluge und auch international längst vorgezeichnete Wege zu beschreiten. 

So wirbt das Land Sachsen für die Zerstörung seiner eigenen Industriegeschichte. Kein Wunder, dass die lokalen Verwaltungen begeistert darauf zugreifen.

Der Skandal besteht auch darin, dass diese provinzielle Ahnungslosigkeit keineswegs nur dort anzutreffen ist, wo man sie vermuten dürfte: in den Verwaltungen der kleinen Kommunen oder Kreise. Das Problem sitzt in Wirklichkeit in Brüssel und Berlin, dort wo Förderstrukturen aufgebaut, Richtlinien vorgegeben und Budgets zugeschnitten werden. Wie kann es sein, dass Abrissmillionen zugesagt werden, ohne dass jemals die Frage, wie sinnvoll diese Gelder eigentlich verausgabt werden, von den zuständigen Behörden kritisch überprüft wird? 

Schandfleck (7): Weg damit, bevor es zu spät ist!
Man könnte auch erwarten, dass die Behörden, die über die Vergaben solcher Summen entscheiden, in der Lage sind, die Verwaltungen vor Ort an die Hand zu nehmen und mit ihnen erstmal die Alternativen zu diskutieren unter Berücksichtigung des Erhalts der Bausubstanz. Finanziert der Bund nicht eine Stiftung Baukultur, die regelmäßig hunderte von hochgebildeten Personen aus allen Bereichen des Bauens und der Stadtentwicklung versammelt, um über die Perspektiven des Bauens in Deutschland zu beraten? Gibt es nicht dutzende von weiteren Stiftungen und staatlichen Einrichtungen, die sich mit solchen Fragen befassen und die kompetent beraten könnten?

Besucht man die Webpage der Stiftung Baukultur (zum Beispiel) und sucht dort Beitrage zum Thema Industriekultur, stellt man fest, dass das Thema durchaus präsent ist, jedoch ausschließlich als Präsentation und Auflistung erfolgreicher Beispiele der Umgestaltung und Neunutzung. Das Scheitern Deutschlands jedoch am Erhalt einer Industriekultur gerade dort, wo keine bewahrende und vorausschauende Vernunft gegeben ist, wird ausgeblendet. Neben der Analyse der wichtigen Leuchtturmprojekte, wie sie überall in Deutschland auch entstehen, wäre ein Wirken dieser Thinktanks in der Fläche aber dringend erforderlich.

So wirken die Institutionen des Bundes nebeneinander her: Während die einen auf Kongressen in vorbildlich wiederhergerichteten industriellen Denkmälern ihre Vorzeigeprojekte präsentieren, verausgaben die anderen die Millionen, die zur Zerstörung des baulichen Erbes des Landes notwendig sind. Das aktuellste Beispiel dafür, dass diese Zerstörungswut kein Ende kennt, findet sich in Oelsnitz, wo mit neun Millionen Euro(!) Förderung unter dem Jubel der Medien ein Teppichwerk mit Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert abgerissen wird. Es soll sogar schon Interessenten geben für die dort entstehende Brache.

Das Sächsische Vogtland tut sich auch mit Plauen hervor, wo leerstehende Wohnbauten der Gründerzeit abgerissen werden – mit der stolzen Perspektive, das dort, kein Scherz, „Rasen gesäht“ werden solle. Auch hier freuen sich sehr einfach gestrickte, ihrer Stadtverwaltung nacheifernde MDR-Redakteure über das Ende der „Schandflecken“ in ihrer Stadt.

So schauen sie aus, die wiederbelebten Flächen in Sachsen, hier Vogtland. Foto: © Leo Bockelmann

Wer, wie die Autor*innen dieser Zeilen, das Innenleben von kommunalen Verwaltungen kennt, weiß, dass die Verantwortung der Landes- und Bundesbehörden für diese Vernichtungsorgien sogar noch weiter reicht als nur bis zur Finanzierung. 

Es verhält sich nämlich so, dass die Mittel zur „Revitalisierung von Brachflächen“ wie es irreführend heißt, stets nur als zeitlich befristetes Programm zur Verfügung stehen, womit die kommunalen Bauämter natürlich so umgehen, dass es dort regelmäßig heißt:

Jetzt können wir diese Gelder abrufen, wer weiß wie lange noch!“

In anderen Worten: Der Bund und die Landesministerien für Infrastruktur, Bau oder „Heimat“ finanzieren nicht nur Abrisswünsche, sie erzeugen sie geradezu! Ist das eine Programm ausgelaufen, folgt zwar sofort das nächste, aber dieses könnte ja wieder das letzte sein, usw. Das Resultat sind Brachflächen überall. Die Zuständigen von Bund und Land schrecken noch nicht mal davor zurück, sich auf den von ihnen erzeugten Wiesenflächen mit hochwertigen Edelstahl-Stelen stolz als Täter zu präsentieren.

Eine Diskussion über diese skandalösen Zustände findet nicht statt. Nicht in den Medien, nicht in den Feuilletons, nicht in den Thinktanks der Bundesrepublik Deutschland, wo man sich vielleicht hin und wieder über die „Sinnlosigkeit“ des einen oder anderen Abrisses empört, aber selten weiter denkt als bis hierhin. Zu wenig werden die fördertechnischen Strukturen thematisiert, die diesen Raubbau erst ermöglichen, so gut wie gar nicht die schwer nachzuvollziehende und zu erklärende Lust am Abriss und der Zerstörung von Architektur in diesem Land.

Schandfleck (8): Eine Diskussion findet nicht statt
Einen Bezug herzustellen zwischen dem deutschen Abrisswahn und der Moderne, noch dazu in dieser direkten Form, gleicht einem Affront und einem Tabubruch. Die Klassische Moderne, die erst im Jahre 2019 unter dem Stichwort „Bauhaus“ gefeiert wurde, ist längst eine internationale Marke, wenn nicht ein Adelsschlag für Deutschland. Der Begriff Bauhaus ist eine Macht, ein Ruf wie Donnerhall, nicht zuletzt in jede einzelne der über 3000 chinesische Universitäten hinein. Dabei wird dieser Begriff, notabene, nicht nur als Ausweis fortschrittlicher Architektur verstanden, sondern als eine Methode oder Haltung des Bewertens und Gestaltens. Da aber das Bauhaus nur ein Kapitel des Buches Modernewar (ein Kapitel noch dazu mit viel Legende und Übertreibung), geht es hier nicht um die Schule des Walter Gropius, sondern tatsächlich um die Moderne als deutsche Bewegung.

Aber das sind Spitzfindigkeiten. Ob Bauhaus oder Moderne, der architektonische Kanon in den Fakultäten, Planungsbüros und in der Architekturkritik betrachtet die Klassische Moderne des frühen 20. Jahrhunderts als notwendige Antwort auf die „historisierende Orientierungslosigkeit“ des 19. Jahrhunderts und als nicht weiter zu hinterfragende Grundlage alles architektonischen Denkens. Natürlich gab es auch hier immer wieder kritische Rückblicke, insbesondere im Städtebau schon in den 70er Jahren. Aber warum haben sich die für die architektonischen und städtebaulichen Fragen zuständigen Eliten eigentlich nicht gefragt, wieso ihre Warnungen, Wegweisungen und Wertzuschreibungen von 98% der in diesem Land für das Bauwesen Zuständigen nie gehört werden?

Der Milchhof Arnstadt, ein Baudenkmal der Moderne, markiert eine Ausnahme. Hier fließen öffentliche Mittel des Landes Thüringen, um das Gebäude zu erhalten und in eine neue Nutzung zu bringen. 25 Jahre lang verfiel es ungebremst.

Der Verlust der Bausubstanz, die unsere Großväter und deren Väter und Großväter geplant und gebaut haben, ist auch deshalb so schmerzhaft, weil sich mit der unabweisbaren Industrialisierung des Bauens nicht nur ein (diesmal wirklich) „internationaler Stil“ weltweit durchsetzt, konkurrenzlos insbesondere im Gewerbebau mit kubisch angeordneten Betonrahmen, einer verkleidenden Hülle und Dämmmaterialien. Lokale Besonderheiten gibt es keine mehr. 

Einschneidender aber ist die Erkenntnis, dass in der Industriearchitektur des 21. Jahrhunderts endgültig nicht mehr massiv gemauert wird, Stein auf Stein, so wie noch in der klassischen Moderne der 20er Jahre oder auch noch mit den Bauten der Nachkriegsmoderne. Es gibt keine Mauern, kein Mauerwerk mehr. Unabhängig von Fragen der Nachhaltigkeit, des Raumklimas oder der Entsorgung von Bauresten und Bauschutt (es ist alles Sondermüll) ist damit folgendes klar: 

Die historischen Industriearchitekturen, die wir heute bewahren, werden die letzten sein, die nicht nur eine spezifische Gestalt und lokale Identität haben, sondern die durch ihre bauliche Substanz überhaupt dazu in der Lage sind, Jahrhunderte zu überdauern und von ihrer Zeit zu zeugen. Was heute in Deutschlands Gewerbezonen entsteht, ist Wegwerf-Architektur, und will auch nichts anderes sein. 

Die Verfasser sind seit langem in der Denkmalpflege und der Erfassung, Vernetzung und Entwicklung der Industriekultur in Thüringen und Sachsen tätig. Sie sind entschlossen, den hier aufgezeigten Missstand der Förderung einer komplett verfehlten Abrisspolitik mit Millionen von Fördermitteln in Form einer Petition an den Deutschen Bundestag publik zu machen, in die öffentliche Diskussion zu bringen und zu einem Ende zu bringen. Mitstreiter, die dieses Anliegen teilen und mitwirken wollen, sind eingeladen, mit uns Kontakt aufzunehmen unter
info@milchhof-arnstadt.de

(© alle Fotos, sofern nicht anders ausgewiesen: Jan Kobel)

Nichts ist so uncool wie Neubauten

Verlässt man die Zentren, kämpfen oft einzelne Akteure für die Industriekultur gegen Windmühlen. „Vernetzt euch!“ lautet das Credo von kulturfabriken.eu.

Ein Beitrag von Judith Rüber, erschienen im MEDIAN-Heft 2020 der Metropolregion Mitteldeutschland GmbH.
Foto: Räume der ehemaligen GreiKa, der Greiner Kammgarnspinnerei in Berga-Elster

Wie bringt man neue Ideen in leer stehende Gebäude? Im ländlichen Raum verhallt diese Frage oft ungehört, weil sie nicht laut genug gestellt wird. Wo leer stehende Gebäude einige Jahre ohne Nutzung sind, werden sie außerhalb der Zentren oft abgerissen – meist mit öffentlichen Mitteln, die dreimal ausgereicht hätten, Dach und Entwässerung zu reparieren.

Unter www.kulturfabriken.eu entsteht in Mitteldeutschland ein Netzwerk, das die bestehenden Initiativen vernetzen, deren Angebote sichtbar machen, junge Menschen unterstützen und der Industriekultur eine Stimme geben will.

(Auszug aus der Veröffentlichung im MEDIAN-Heft 2020)

Die gemeinsame Überzeugung des länderübergreifenden Netzwerks: Wir brauchen diese Quartiere, um den früher oder später aus den gentrifizierten Metropolen Flüchtenden die urbanen Räume zu bieten, die sie suchen. Oder wie es der Thüringer Fotograf und Kulturmanager Jan Kobel formuliert: „Allzu oft ziehen die Vertreter der öffentlichen Hand mit Blick auf das Schicksal dieser Architekturen ausschließlich den Rückbau in Betracht. Wir möchten gerne ein Umdenken vorantreiben.“ Kobel ist Eigentümer zweier Industriedenkmäler im thüringischen Arnstadt und einer der Initiatoren dieses Netzwerkes.

Die Bedingungen für eine solche Aktion sind gut: Überall in den Städten Mitteldeutschlands entstehen Initiativen, die den kulturellen Wert dieses industriellen Erbes entdecken und sie in Konzerträume, Galerien, Ateliers, Coworking Spaces oder Eventlocations umwandeln. Nur: Bislang existieren sie eher nebeneinander. „Die Thüringer Industriekultur ist vielerorts so unsichtbar, dass es uns trotz intensiver Auseinandersetzung nicht gelingt, einen flächendeckenden Überblick über andere bestehende Initiativen in Thüringen zu schaffen. Von potentiellen Orten der Industriekultur in Thüringen ganz zu schweigen“, sagt Florian Dossin vom Verein Trafo in Jena.

Dossin nutzt eine Transformatoren-Station von 1901 für Konzerte. Kommunikation und Marketing dieser Locations finden fast ausschließlich über die Sozialen Medien statt – man muss also bereits entsprechend vernetzt sein, um auf dem Laufenden zu sein. Das soll sich ändern. Wer wissen will, was in alten Industriegemäuern los ist, dem soll kulturfabriken.eu nun möglichst viel offenlegen. Zugleich will das Netzwerk gezielt Projekte und Regionen unterstützen.

Das Netzwerk kulturfabriken.eu vereint bislang Aktivisten der Thüringer Szene – von Arnstadt über Erfurt bis nach Jena –, begreift sich aber als mitteldeutsche Initiative.

Eröffnung einer Ausstellung in der Kulturfabrik Apolda

Warum dieser überregionale Ansatz Sinn ergibt, verrät Sebastian Dämmler von der sächsischen IndustrieKulturOst:

„Wir sollten Thüringen und Sachsen verbinden und nicht an der Landesgrenze aufhören, denn die Probleme sind überall die gleichen. Es mangelt am öffentlichen Verständnis für diese besondere Form der Kultur. Hier können wir viel voneinander lernen.“

Insbesondere im ländlichen Raum ist das Missverhältnis zwischen industriekultureller Substanz und deren Wertschätzung deutlich. Während in den Metropolen dienoch verbliebenen historischen Gebäude mit ihren Backsteinmauern und ihrer Patina längst zu Prestigeobjekten geworden sind, fehlen in der Provinz meist Vorstellungskraft und Geduld. Das könnte sich noch fatal auswirken.

Königl. Bahnbetriebhallen in Erfurt – 200 m vom Bahnhof entfernt.

Denn die Provinz sollte wahrnehmen, welche Werte in den Zentren heute selbstverständlich sind. „Dies ist vor allem das interkulturelle Milieu“, so Kobel, „das ist der Humus, auf dem alles gedeiht – nicht nur die Jobs, auch und vor allem die Familienplanung. Dieses internationale Milieu wiederum achtet peinlich darauf, dass die Räume, in denen es zu Hause ist, ihren lokalen Charakter und ihre Authentizität nicht verlieren. Das industrialisierte und genormte Bauen, einst ein Ideal der Moderne, ist heute das Anti-Ideal einer internationalisierten und vielgereisten Jugend. So wird und bleibt der Heimat-Gedanke auch in der Welt der Hipster lebendig: Als Ort der lokalen Verankerung – wenngleich auch einer temporären.“

In anderen Worten: Nichts ist heute uncooler als Neubauten.

In diesem Kontext stellt sich das industrielle Erbe nicht nur als kultureller Wert dar, sondern als immer wichtiger werdender Wirtschaftsfaktor. Industriekultur ist ein unverzichtbarer Bestandteil eines urbanen Umfeldes, das als Angebot für jene fungieren kann und wird, die die Metropolen wieder verlassen wollen: die Rückkehrer. Es werden immer mehr.

Demnächst mehr unter:
www.kulturfabriken.eu
www.industrie-kultur-ost.de

Die Bauten des Martin Schwarz // Die Synagoge zu Arnstadt (1913 bis 1938)

Ausstellungseröffnung //
Milchhof Arnstadt, 26. September 2018, 19:00 Uhr

—-  Geöffnet Sonntags von 14:00 bis 16:00 Uhr, NICHT am 21. Oktober!
Oder nach telefonischer Vereinbarung unter 0171.1208500  —-

25 Jahre zwischen Hoffnung und Niedertracht

Die Synagoge zu Arnstadt wurde am 26. September 1913 feierlich eingeweiht, unter Beisein von hohen Würdenträgern von Stadt und Land. Die wachsende Die Bauten des Martin Schwarz // Die Synagoge zu Arnstadt (1913 bis 1938) weiterlesen

Wir gründen einen Verein (2)
Dienstag, 22. August 2017, 17.30 Uhr

Der Milchhof Arnstadt ist, so viel kann man heute sagen, vor dem Verfall gerettet. Durch die Unterstützung des Landes Thüringen ist die Eigentümerin, die Baudenkmal Milchhof Arnstadt GmbH, in der Lage, zusammen mit einem Beirat aus qualifizierten Fachleuten noch dieses Jahr die Wiederherstellung des Daches und der großen Oberlichter anzugehen. Damit ist der Milchhof bis zum Bauhaus-Jubiläum 2019 gut aufgestellt: er wird nutzbar sein, trocken, und mit Gläsern in den Fenstern der Witterung trotzen.
Bis das Gebäude wieder voll hergestellt und ausgestattet ist, können jedoch noch Jahre vergehen. Wir suchen engagierte Bürger, die Ideen haben und mitmachen Wir gründen einen Verein (2)
Dienstag, 22. August 2017, 17.30 Uhr
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SHARING HERITAGE 2018 – Fazit / Ausblicke der Tagung vom 12. und 13. Juni 2017 im Milchhof Arnstadt zur Thüringer Industriekultur

Blick vom Dach der ehemaligen Wolff'schen Mälzerei in der Thälmannstrasse in Erfurt in Richtung Osten

Fotos: Christian Daether / Jan Kobel
Die im Januar 2017 in Weimar geborene Idee, das spürbare Interesse der bundesweiten Fachwelt an der Thüringer Industriekultur (IK) zu nutzen und zu einem Symposium einzuladen, stieß auf großes Echo. Mit zwölf Referenten aus sechs Bundesländern kamen auch sehr unterschiedliche Aspekte der IK zum Tragen: von der Radroute bis zur Zwangsarbeit, von der Pflege der IK in der DDR bis zu ihrer Umnutzung für Großveranstaltungen.
(siehe auch: https://milchhof-arnstadt.de/2017/06/01/industriekultur-thueringen/)

Prof. Hans-Rudolf Meier (links), Bauhaus-Uni Weimar, und Prof. Dietrich Soyez, Universität Köln

Deutlich wurde, dass Thüringen vor allen gegenüber Berlin und Sachsen einen erheblichen Nachholbedarf hat, was die politische Agenda in Sachen IK betrifft. Das Land Thüringen scheint sich trotz seiner wichtigen Rolle in der industriegeschichtlichen Entwicklung Europas und trotz (oder wegen?) seines neuen Selbstbewußtseins als High-Tech-Standort bis heute eher als Land mittelalterlicher oder barocker Kulturen zu definieren, und in Sachen Kultur die Rolle der IK auszuklammern. Ähnliches gilt für Erfurt: Historische industrielle Architekturen gehören abgerissen, anstatt gesichert, so die allenthalben praktizierte Politik. Unsere Identität liegt irgendwo zwischen Mittelalter und Klassik. Auf jeden Fall nicht in der Industrialisierung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. SHARING HERITAGE 2018 – Fazit / Ausblicke der Tagung vom 12. und 13. Juni 2017 im Milchhof Arnstadt zur Thüringer Industriekultur weiterlesen

SHARING HERITAGE 2018
Kulturelles Erbe kennt keine Grenzen

Ungebremst dem Verfall preisgegeben: Industriebauten in Neustadt / Orla

Die Veranstaltung ist erfolgreich abgeschlossen worden. Eine Zusammenfassung gibt es hier:
https://milchhof-arnstadt.de/wp-content/uploads/2020/01/17.08_Industriekultur-in-Thüringen_FAZIT.pdf
Zur Fotogalerie geht es hier:
http://galerie.jankobel.de/arnstadt170613/index.html)

Industriekultur in Thüringen
Symposium in Erfurt und Arnstadt / 12. – 13. Juni 2017

mit Unterstützung von:

Europäisches Kulturerbejahr Sharing Heritage / Thüringer Themenjahr Industrialisierung und soziale Bewegungen / 200. Geburtstag von Karl Marx – das Jahr 2018 ist ein Jahr der Rückbesinnung auf unser Industrielles Erbe und soziale Vermächtnisse, in Thüringen und in Europa.
12 Referenten aus sechs Bundesländern kommen nach Erfurt und Arnstadt und lassen uns im Vorfeld des Themenjahres an Ihren Erfahrungen teilhaben.
SHARING HERITAGE 2018
Kulturelles Erbe kennt keine Grenzen
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taz on tour im Milchhof – für die offene Gesellschaft

Kleinstadt verstehen. Gar nicht so leicht

taz was here. Eine kleine aber engagierte Runde aus Politik, Verwaltung, Neubürgern und Alteingesessenen. Thema: Arnstadt – Zwischen Stillstand und Visionen?
Unser Fazit: Das Problem ist nicht, dass es keine Lösungen und Engagierte für eine lebhaftere und attraktivere Stadt gäbe, sondern dass einige diese Ideen und Lösungen als unnötig und manchmal auch Ihrer Lebensart fern betrachten. Irgendwie auch eine Art von Kulturkampf. Das ist schade, weil alle im gleichen Boot sitzen und der Gegensatz von „Alt-Arnschtern“ und Zugezogenen eigentlich gar nicht existiert. Sachlich gesehen. Aber der Bauch sagt eben manchmal anderes. Hier sind die Bilder und die Berichterstattung der Presse:

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Der MILCHHOF ARNSTADT und was daraus werden soll

Die Baudenkmal Milchhof Arnstadt GmbH ist ein Non-Profit-Projekt im Sinne der Denkmalpflege. Sie hat das Ziel, den Milchhof Arnstadt als ein herausragendes Beispiel der Bauhaus – Architektur und Klassischen Moderne denkmalgerecht wiederherzustellen. Es soll mit einer gemischten öffentlichen-gewerblichen-kulturellen Nutzung in seinem Bestand dauerhaft gesichert werden.

Das Nutzungskonzept sieht vor:
1. Ort für hochwertige Veranstaltungen und Tagungen (EG)
2. Kino und Kleinkunstbühne mit bis zu 80 Sitzplätzen
3. Ausstellungsfläche für Zeitgenössische Kunst (EG)
4. Ateliers für Künstler, Werkstätten für lokale Handwerker (Souterrain)
5. Büro-, Besprechungs-, und kleine Tagungsräume (OG)
6. Drei kleine möblierte Appartements zur Vermietung auf Zeit (OG)
7. Sommercafé auf der Dachterrasse
8. 2100 m2 Aussenanlagen als Park und Skulpturengarten
Im Einzelnen: Der MILCHHOF ARNSTADT und was daraus werden soll weiterlesen

Bauhaus des Volkes / Das "Haus des Volkes" des Franz Itting (1875-1967)

Oben: streng rechter Winkel vom Stuhl bis in die Stahlbeton-Unterzüge sowie Vollverglasung: betonte Funktionalität im Restaurant des "Haus des Volkes"

Auf der niedrigsten Nord-Süd-Durchquerung des Thüringer Waldes, an der Grenze zu Franken, liegt Probstzella. Wie eine herrschaftliche Festung überragt ein ungewöhnliches Gebäude den kleinen Ort: das „Haus des Volkes“, errichtet und ausgestattet von den Bauhäuslern Alfred und Gertrud Arndt 1927.
Wie im Falle des Faguswerkes des Carl Benscheidt in Alfeld an der Leine verdanken wir dieses Zeugnis vom Aufbruch in die Moderne einem sozial und fortschrittlich eingestellten Unternehmer.

Haus des Volkes, Probstzella (1927)

Fries und Erker ohne Dekor auf der Fassade

Der erste Blick: eine Enttäuschung. Wer auf den Spuren des Bauhauses in Probstzella anlandet, hat anderes erwartet: Bauhaus des Volkes / Das "Haus des Volkes" des Franz Itting (1875-1967) weiterlesen