Die Bauten des Martin Schwarz // Die Synagoge zu Arnstadt (1913 bis 1938)

Ausstellungseröffnung //
Milchhof Arnstadt, 26. September 2018, 19:00 Uhr

—-  Geöffnet Sonntags von 14:00 bis 16:00 Uhr, NICHT am 21. Oktober!
Oder nach telefonischer Vereinbarung unter 0171.1208500  —-

25 Jahre zwischen Hoffnung und Niedertracht

Die Synagoge zu Arnstadt wurde am 26. September 1913 feierlich eingeweiht, unter Beisein von hohen Würdenträgern von Stadt und Land. Die wachsende jüdische Gemeinde hatte für diesen repräsentativen Bau in der Krappgartenstraße 47 den noch jungen, aber hoch angesehenen Architekten Martin Schwarz (1885–1945) beauftragt. Schwarz hatte zuvor an den Türmen der Liebfrauenkirche und an der Bachkirche gezeigt, dass er klerikale Bauten sanieren und erweitern kann. Bis zum Bau des Milchhofes sollten noch 15 Jahre vergehen.

Der Bau und die Einweihung der Synagoge war ein städtisches Ereignis, dem viele Honoratioren aus dem ganzen Land beiwohnten und das dem Arnstädter Anzeiger am 28. September vor 105 Jahren fast einen ganzen Titel wert war. Dieses Ereignis war Ausdruck der zunehmenden Anerkennung und Respektierung der jüdischen Gemeinden im 19. Jahrhundert in Deutschland. Noch waren der Erste Weltkrieg fern und die Hoffnungen groß.

Titel des Arnstädter Anzeigers vom 28.09.1913

Die Synagoge war die erste eigenständige Architektur des Martin Schwarz. Der Neubau des Fürst-Günther-Gymnasiums und viele Wohn- und Geschäftshauser folgten, sein letzter Bau in Arnstadt wurde der Milchhof (1928). Die Synagoge ist zugleich die einzige Architektur von Schwarz, die heute nicht mehr steht. In der Pogromnacht der Nationalsozialisten vom 9. November 1938 wurde sie wie viele andere Synagogen im Deutschland systematisch niedergebrannt.

25 Jahre liegen zwischen der Einweihung 1913, die getragen war von jüdischen Hoffnungen, vaterländischen Bekenntnissen und gegenseitigen Wertschätzungen, und der Zerstörung 1938. Die rauchenden Trümmer wurden von der Stadtverwaltung Arnstadt in niederträchtigster Weise als von der jüdischen Gemeinde kostenpflichtig zu behebende Verunreinigung des Stadtbildes behandelt.

Die Ausstellung, kuratiert von Jörg Kaps (Träger des German Jewish History Award) und Judith Rüber, dokumentiert beide Seiten des jüdischen Lebens in Arnstadt: Sie zeigt, bezugnehmend auf die Einweihung der Synagoge vor genau 105 Jahren, die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Arnstadt im aufgeklärten Deutschland des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Zugleich beleuchtet sie die tiefliegenden antisemitischen Ressentiments der Weimarer Republik, die von den Nationalsozialisten reaktiviert und in offenen Hass verwandelt wurden.

Purimball 1927. Vermutlich Concordia-Gebäude, Karolinenstraße (Foto: © Sammlung Jörg Kaps)

Anhand von Faksimiles, Zeitungsausschnitten und Fotografien gibt die Ausstellung einen Überblick über die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Arnstadt, sie zeigt die Baugeschichte der Synagoge anhand der Originalpläne des Architekten Martin Schwarz und dokumentiert die Ereignisse in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 sowie den niederträchtigen Umgang der damaligen Stadtverwaltung mit den Trümmern auf dem Gelände an der Krappgartenstraße 47.

Brief der Stadtverwaltung Arnstadt an die jüdische Gemeinde vom 11. November mit Frist 11. November, 11 Uhr. Ein zynischer Faschingsscherz.

Zwei Texttafeln berühren darüber hinaus die Geschichte des europäischen Synagogenbaus am Beispiel Dresden, Budapest und Venedig sowie die Formen des Antisemitismus und Rassismus des 20 Jahrhunderts.

Eine Ausstellung des Milchhof Arnstadt e.V. (in Gründung).
Kontakt:
Maike Herz (Vorsitzende)
milchhof-arnstadt-verein@t-online.de

Endlich gefasst: Die Rote Katze /
Nadja & Polina
Ausstellungseröffnung im Milchhof – Freitag, den 20. Juli 2018

Göffnet bis 16. September 2018 jeden Sonntag von 14:00 bis 17:00 Uhr sowie
jederzeit nach telefonischer Vereinbarung unter 0171.1208500

VERNISSAGE:
Freitag, den 20. Juli 2018 / 18:00 Uhr
Musikalische Begleitung: n.n.
Doppel-Laudatio: Dr. Jan Kobel
Eintritt frei.

SOMMERFEST im Rahmen der Ausstellung:
Samstag, den 21. Juli 2018 / 18:00 Uhr,
Musikalisches Abendprogramm: n.n.
Milchhof Arnstadt, Quenselstr. 16, 99310 Arnstadt

Zu sehen sind Arbeiten von Ute Kobras und Günter von Dulong, beide aus München. Sie eint ein von künstlerischen Normen freier und zugleich spontaner und unbeschwerter Zugang zur Malerei: Endlich gefasst: Die Rote Katze /
Nadja & Polina
Ausstellungseröffnung im Milchhof – Freitag, den 20. Juli 2018
weiterlesen

Der MILCHHOF ARNSTADT und was daraus werden soll

Die Baudenkmal Milchhof Arnstadt GmbH ist ein Non-Profit-Projekt im Sinne der Denkmalpflege. Sie hat das Ziel, den Milchhof Arnstadt als ein herausragendes Beispiel der Bauhaus – Architektur und Klassischen Moderne denkmalgerecht wiederherzustellen. Es soll mit einer gemischten öffentlichen-gewerblichen-kulturellen Nutzung in seinem Bestand dauerhaft gesichert werden.

Das Nutzungskonzept sieht vor:

1. Ort für hochwertige Veranstaltungen und Tagungen (EG)
2. Kino und Kleinkunstbühne mit bis zu 80 Sitzplätzen
3. Ausstellungsfläche für Zeitgenössische Kunst (EG)
4. Ateliers für Künstler, Werkstätten für lokale Handwerker (Souterrain)
5. Büro-, Besprechungs-, und kleine Tagungsräume (OG)
6. Drei kleine möblierte Appartements zur Vermietung auf Zeit (OG)
7. Sommercafé auf der Dachterrasse
8. 2100 m2 Aussenanlagen als Park und Skulpturengarten

Im Einzelnen: Der MILCHHOF ARNSTADT und was daraus werden soll weiterlesen

Die Gera, ihre Auen und der Mühlgraben
Ein Winterspaziergang durch das Quartier des Milchhofs

 

BQ1A7164_neu
Verstrüppt und unzugänglich, der Fluß im Sommer unsichtbar: Gera-Promenade am Zusammenfluss Weisse und Gera.

„Nur wenige Ortschaften bieten in unmittelbarer Nähe so viele anmuthige Promenaden von mannichfachem Charakter, wie Arnstadt. Berg und Thal, Wald und Feld, reizende Gärten und schattige Alleen – und alles vom Silberband der Gera durchflochten!“ /
aus: Arnstadt Sool- und Flußbad, Heinrich Schwert, 1856 //

Die komplette Bildergalerie eines winterlichen Spaziergangs entlang der Gera gibt es hier.

(Aus aktuellen Anlass veröffentlichen wir diesen Artikel über das Quartier, in dessen Mitte der Milchhof steht, auch auf dieser Plattform, nachdem er zuerst am 31. Januar 2016 auf www.arnstadt-wohin.de erschienen ist.)

Thüringen verfügt über eine reiche Kultur-Landschaft, auch im wörtlichen Sinne: Bis heute ist die gelungene Gestaltung der Landschaft und der städtischen Aussenflächen und Reviere aus vergangenen Jahrhunderten vielerorts spürbar.

Die Gera, ihre Auen und der Mühlgraben
Ein Winterspaziergang durch das Quartier des Milchhofs
weiterlesen

Fünf Gründe für die Platte …

Hinschauen oder wegschauen? Mit jedem abgerissenen Block – hier Leipzig 2007 – wächst die Erkenntnis, dass mehr verschwindet als ein paar Scheiben Beton. Egal ob Denkmal der Klassischen Moderne oder Plattenbau aus den 70ern, wir müssen die Stadt weiterbauen und umgestalten. Aber nicht abreissen und uns einbilden, dass besser wird, was wir danach neu errichten. Nur aus dem respektvollen Dialog mit dem Gewachsenen entsteht Geborgenheit.

„Seit Anfang der Moderne macht der Architekt erst einmal Tabula rasa, und setzt dann seine neuen Gebäude auf’s Grundstück. Mit diesem falschen Bild im Kopf leben wir noch“  Muck Petzet

… oder warum wir (auch) Plattenbauten nicht mehr abreißen sollten

Der Münchner Architekt Muck Petzet macht vor wenigen Jahren Schlagzeilen, als er auf der Architekturbiennale in Venedig 2012 im Deutschen Pavillon seine architektonische Trias „Reduce, Reuse, Recycle“ präsentierte. Da wir Architektur teilweise wie ein Müllproblem behandeln, sollten wir die Gesichtspunkte der Nachhaltigkeit auch auf das Bauen anwenden: Neubauten reduzieren, Altbauten umnutzen, Materialien weiterverwenden (Interview Muck Petzet / Detail / Oktober 2012).

Fünf Gründe für die Platte … weiterlesen

Urknall der Moderne
Das Bauhaus in Weimar und Dessau und der Milchhof in Arnstadt

Titelbild: Rekonstruktion des Meisterhauses von Gropius in Dessau durch das Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez

2019 schaut Deutschland auf die Gründung einer Institution zurück, die in den Augen der Welt den Anfang all dessen symbolisiert, was wir als Modernes Bauen und Design bezeichnen: das Staatliche Bauhaus in Weimar, 1919 von Walter Gropius gegründet. Was ist so besonderes daran, dass Tausende auf den Spuren dieses internationalen Aufbruchs 2019 nach Deutschland und Thüringen kommen werden?

Entwurf einer kleinen Ausstellung anhand des Milchhofs in Arnstadt in drei Akten / ab 27. November 2015 im Stadthaus Arnstadt

von Judith Rüber und Jan Kobel Urknall der Moderne
Das Bauhaus in Weimar und Dessau und der Milchhof in Arnstadt
weiterlesen

Das Bauhaus Weimar und seine Bedeutung für Thüringen

Dankesrede von Dr. Jan Kobel anlässlich der Verleihung des Thüringer Förderpreis für Denkmalpflege 2015 an den Milchhof Arnstadt in Schmalkalden am 12.09.2015
Titel: Detail aus den Treppenhäusern des Bauhaus Dessau / Walter Gropius (links) und Milchhof Arnstadt / Martin Schwarz (rechts). Foto rechts: Walther Grunwald

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ende August fuhren meine Frau und ich abends nach Weimar, zu einem Vortrag von Neil MacGregor, dem Direktor des British Museums in London und designierten Chefkurator des neuen Humboldtforums in Berlin. Er sprach über das Geschichtsverständnis der Deutschen und über Deutschlands kulturelle Sonderstellung in Europa, und er sprach, wie nur ein Angelsachse über Deutschland sprechen kann – und darf: voller Bewunderung und Begeisterung.

In seiner Rede ging es auch um Buchenwald, und er sagte den Satz:

How could it happen? How did all the great humanizing traditions of Germany – Dürer, Luthers bible, Bach, the Enlightenment, Goethe, the Bauhaus and much much more fail to avert this total ethical collapse?

Wie konnte Buchenwald passieren – im Land von Bach, Goethe und Bauhaus? Und während MacGregor noch gestand, daß er darauf keine Antwort kenne, dachte ich mir: er spricht über Deutschland, aber genau genommen spricht er über Thüringen. Das Bauhaus Weimar und seine Bedeutung für Thüringen weiterlesen