SHARING HERITAGE 2018 – Fazit / Ausblicke der Tagung vom 12. und 13. Juni 2017 im Milchhof Arnstadt zur Thüringer Industriekultur

Blick vom Dach der ehemaligen Wolff'schen Mälzerei in der Thälmannstrasse in Erfurt in Richtung Osten

Fotos: Christian Daether / Jan Kobel

Die im Januar 2017 in Weimar geborene Idee, das spürbare Interesse der bundesweiten Fachwelt an der Thüringer Industriekultur (IK) zu nutzen und zu einem Symposium einzuladen, stieß auf großes Echo. Mit zwölf Referenten aus sechs Bundesländern kamen auch sehr unterschiedliche Aspekte der IK zum Tragen: von der Radroute bis zur Zwangsarbeit, von der Pflege der IK in der DDR bis zu ihrer Umnutzung für Großveranstaltungen.
(siehe auch: http://milchhof-arnstadt.de/2017/06/01/industriekultur-thueringen/)

Prof. Hans-Rudolf Meier (links), Bauhaus-Uni Weimar, und Prof. Dietrich Soyez, Universität Köln

Deutlich wurde, dass Thüringen vor allen gegenüber Berlin und Sachsen einen erheblichen Nachholbedarf hat, was die politische Agenda in Sachen IK betrifft. Das Land Thüringen scheint sich trotz seiner wichtigen Rolle in der industriegeschichtlichen Entwicklung Europas und trotz (oder wegen?) seines neuen Selbstbewußtseins als High-Tech-Standort bis heute eher als Land mittelalterlicher oder barocker Kulturen zu definieren, und in Sachen Kultur die Rolle der IK auszuklammern. Ähnliches gilt für Erfurt: Historische industrielle Architekturen gehören abgerissen, anstatt gesichert, so die allenthalben praktizierte Politik. Unsere Identität liegt irgendwo zwischen Mittelalter und Klassik. Auf jeden Fall nicht in der Industrialisierung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Prof. Harald Kegler, Universität Kassel

Dabei spiegelt sich nach Einschätzung von Harald Kegler, dessen Referat besondere Resonanz erzielte, in Thüringen in einer sonst nirgendwo vorhanden Dichte die „Archäologie“ der Industrialisierung Europas in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit. Hier, zwischen der Neuen Hütte in Schmalkalden und der Wismut, zwischen dem Fröbelschen Kindergarten und dem Gothaer Programm der SPD, zwischen dem Bauhaus und den Plattenbauten liegt ein Alleinstellungsmerkmal des Landes, das unbedingt weiter durchdacht und entwickelt werden sollte. Die „Dunkle Seite“ der IK darf dabei nicht ausgeblendet werden. Rüstung, Zwangsarbeit, Holocaust sind elementare Bestandteile der industriellen Geschichte.

Workshop 1 mit Heidi Pinkepank, Cottbus, und Dr. Dirk Schaal, Dresden

Hier ist mit dem Topf&Söhne Erinnerungsort ein wichtiger Schritt getan, aber noch ist nicht überall durchgedrungen, dass das Erleben von Industriekultur nicht nur das Staunen – oder auch Entsetzen – umfassen darf, sondern ebenso das Verstehen – auch und gerade der Aspekte, über die man nicht so gerne spricht!

Prof. Helmut Albrecht (links), TU Freiberg / Sachsen

Thüringen hat nichts von den Dimensionen einer Zeche Zollverein und auch kein Ferropolis, aber bezüglich der IK zeigt sich, was schon für die gesamte Thüringer Kulturlandschaft gilt: die Stärke liegt in der Diversität und Vielfalt eines Landes, das sich aus vielen Kleinstaaten entwickelt hat.

Als erstes gilt es nun, diese Besonderheiten der Thüringer IK zu erfassen, und in einem zweiten Schritt in ein spezifisches Handlungskonzept zu überführen. Daraus kann schließlich – nicht zuletzt – ein touristisches Konzept entwickelt werden. Dabei kann das Land von den Erfahrungen anderer Länder profitieren, vor allem des Ruhrgebietes, dessen IK inzwischen jährlich über 6 Mio. Menschen mobilisiert und mit einem vorbildlichen Wegeleit- und Wiedererkennungssystem nicht nur für touristische Einnahmen sorgt, sondern auch für eine starke Identifizierung der Menschen vor Ort mit den jeweils lokalen Zeugnissen ihrer industriellen Vergangenheit.

Auf dem Dach der Alten Woll’schen Mälzerei in Erfurt

Wir haben für die interessierte Öffentlichkeit die Inhalte der Referate und Workshops zusammengefasst und stellen diesen Rückblick, der zugleich auch ein Ausblick sein soll, als PDF in Web-Größe zur Verfügung:
SHARING HERITAGE – Fazit Symposium Industriekultur in Thüringen / 12.-13.06.2017

Wir rufen alle Interessierten, Eigentümer historischer Industriearchitekturen, Unternehmen, Vereine und Initiativen zur Bewahrung und Neu-Nutzung unseres industriellen Erbes auf, dabei zu sein bei dem Versuch, die Thüringer Industriekultur zu erfassen, zu vernetzen und sowohl sichtbar als auch erlebbar zu machen!

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