ein tag im zeichen der klassischen moderne / milchhof arnstadt, 29. Juni 2016 / rückblick

Eine Veranstaltung in einem verfallenden Denkmal, gemeinsam getragen vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie unter der Leitung des Landeskonservators Holger Reinhardt und den Eigentümern – so lautete das experimentelle Konzept unter dem Motto bauhaus 2019 – denkmalpflege und die bauten der moderne.
(zur Bildergalerie)
02_denkmal und moderne_06.2016__MG_5836
Drei Objekte des Modernen Bauens, alle auf unterschiedlicher Weise in prekärem Zustand, waren Thema des Tages: der Wartburg-Pavillion von Günther Wehrmann in Eisenach, der Garagenbau von Alfred Arndt in Probstzella und der Milchhof Arnstadt von Martin Schwarz, das am meisten bedrohte Gebäude – und Gastgeber des Kolloquiums. Die zweite Hälfte des Tages war geprägt vom Thema bauhaus 2019 – und wie der Funktionalismus der Moderne gerade in städtebaulicher Sicht immer wieder dieselben Irrwege beschreitet.

_Q1A5722
Andrea Dietrich, Beauftragte für die Koordination der Bauhaus100-Aktivitäten in Thüringen, im Gespräch mit dem Landeskonservator Holger Reinhardt

Gäste und/oder Referenten waren der Architekt und renommierte bauhaus-Forscher Winfried Brenne (Berlin), der Architekt Walther Grunwald (Berlin), verantwortlich für die Wiedererrichtung der Herzogin Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, Jürgen Padberg (Hamburg), Dombaumeister in Brandenburg/Havel und Vorstandsvorsitzender der Heinrich-Tessenow-Gesellschaft, sowie Dr. Lars Scharnholz (Cottbus), Geschäftsführer des Instituts für Neue Industriekultur – allesamt Spezialisten für das Bauen im Bestand und die Architektur der Moderne. Ebenfalls aus Berlin kam Sigrid Hupach, MdB und Mitglied des Kulturausschusses des Bundestags, aus Weimar Andrea Dietrich, Bauhaus100-Koordinatorin des Landes Thüringen, aus Erfurt die Landtagsabgeordneten Sabine Berninger und Frank Kuschel und aus ganz Thüringen viele Mitarbeiter des Landesamtes und der Unteren Denkmalbehörden und der Klassik-Stiftung Weimar, Hüterin des Bauhaus-Erbes ebendort.
Daniel Fuhrhop erläutert den Unfug des Neubauwahns
Daniel Fuhrhop, Autor von „Verbietet das Bauen“, plädiert gegen den Abriss- und Neubauwahn

Hauptredner am Nachmittag war der Autor Daniel Fuhrhop, der die Thesen seines Buches Verbietet das Bauen! erläuterte und schlüssig darlegte, warum der Neubau-Wahn vom Einfamilienhaus auf der Grünen Wiese bis zu den großen Wohnblöcken ein teurer, wenig nachhaltiger und letztlich asozialer Weg der Stadtentwicklung ist.
Fazit: die deutsche Geschichte der Nachkriegszeit in Ost wie West ist bis heute geprägt von einer Abriss- und/oder Entkernungswut gegen historische Industriearchitektur, fehlgeleitet durch Fördermittel und Neubauprämien und dabei stets die besondere bauliche, historische und kulturelle (Lebens-)Qualität dieser Gebäude verkennend.
Aber auch das wurde auf dem Kolloquium spürbar: mit jedem Jahr und jedem Abriss wächst das Bewusstsein, das das Erhalten, respektvolle Sanieren und Umnutzen zahlreiche Vorteile mit sich bringt, und zwar unabhängig davon, ob ein Bau ein Denkmal ist.
Die Baudenkmäler aber müssen die Pioniere dieses dringen erforderlichen Paradigmenwechsels sein, im Sinne der Wiedererringung der Wirtlichkeit unserer Städte, um in leichter Abwandlung seines Buchtitels Alexander Mitscherlich zu zitieren.
38_denkmal und moderne_06.2016_IMG_0971
Am Abend stand nach der Architektur die Kunst und Malerei der klassischen Moderne im Fokus. Jan Kobel führte durch seine Ausstellung reduces, reused, useless und präsentierte Malerei und Skulptur auf den Spuren von Kasimir Malewitsch, Mark Rothko, Robert Rymann, Jerry Zeniuk und Pomona Zipser.
Zur Bildergalerie
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert